14 Februar 2026

Anticholinergika: Kognitive Auswirkungen und Risiko von trockenem Mund

Anticholinergika: Kognitive Auswirkungen und Risiko von trockenem Mund

Anticholinergika blockieren den Neurotransmitter Acetylcholin im zentralen und peripheren Nervensystem. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt, basierend auf Atropin, das aus der Tollkirsche gewonnen wurde. Heute werden sie bei Harninkontinenz, Parkinson, Allergien und Depressionen eingesetzt. Doch hinter ihrer Wirksamkeit verbirgt sich ein ernstes Risiko: langfristige Einnahme kann das Gehirn schädigen und den Mund trocken legen.

Was passiert im Gehirn, wenn man Anticholinergika nimmt?

Anticholinergika wirken vor allem an M1-, M2- und M4-Acetylcholinrezeptoren. Der M1-Rezeptor im Präfrontalen Kortex und im Hippocampus ist entscheidend für Gedächtnis und Entscheidungsfindung. Wenn diese Rezeptoren blockiert werden, sinkt die Aktivität in diesen Gehirnregionen. Bildgebende Studien zeigen, dass Menschen, die Medikamente mit hoher anticholinergischer Belastung (ACB-Score 2 oder 3) einnehmen, jährlich 0,5 bis 1,2 % mehr Hirnmasse verlieren als Nichtnutzer. Die Glukoseverwertung im Hippocampus sinkt um 8-14 %, und die Ventrikel - die Flüssigkeitsräume im Gehirn - werden um 10-15 % größer. Das ist ein klares Zeichen für Schrumpfung des Gehirngewebes.

Testergebnisse bestätigen das: Nutzer von Anticholinergika erinnern sich 23-32 % schlechter an neue Informationen und haben 18-27 % schlechtere Leistungen bei Aufgaben, die Planung und Konzentration erfordern. Jeder zusätzliche Punkt auf der ACB-Skala erhöht die jährliche Hirnatrophie um 0,3 %. Das ist kein geringer Effekt - es ist ein kumulativer Schaden, der sich über Jahre aufbaut.

Welche Medikamente sind besonders gefährlich?

Nicht alle Anticholinergika sind gleich. Die ACB-Skala (Anticholinergic Cognitive Burden) klassifiziert sie von 0 (keine Wirkung) bis 3 (hohe Wirkung). Medikamente mit Score 3 - wie Scopolamin, Diphenhydramin (Benadryl) oder Amitriptylin - haben die stärksten kognitiven Nebenwirkungen. Scopolamin verursacht bei gesunden jungen Erwachsenen einen Abfall der Aufmerksamkeit um 1,82 Standardabweichungen und der episodischen Erinnerung um 1,21 Standardabweichungen.

Bei Harninkontinenz ist Oxybutynin (ACB 2-3) besonders problematisch. Eine Analyse von 12 klinischen Studien zeigte, dass es 28 % stärkere kognitive Einbußen verursacht als Tolterodin (ACB 1-2). Trotzdem wird Oxybutynin noch oft als Erstlinientherapie verschrieben - obwohl es Alternativen gibt. Mirabegron, ein Beta-3-Agonist, wirkt ebenso gut bei Blasenüberaktivität, aber ohne kognitive Nebenwirkungen. Leider ist es teuer: 350 US-Dollar im Monat gegenüber 15 US-Dollar für generisches Oxybutynin. Viele Ärzte und Patienten wählen daher das günstigere, aber gefährlichere Medikament.

Andere Medikamente wie Glycopyrronium, Trospium, Tolterodin, Darifenacin, Fesoterodin, Tiotropium und Ipratropium haben einen ACB-Score von 1 oder niedriger. Studien zeigen, dass diese keine signifikante kognitive Verschlechterung verursachen. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Nicht alle Anticholinergika sind gleich gefährlich. Die Wahl des richtigen Medikaments kann das Risiko stark senken.

Was sagen Experten?

Dr. Shannon Risacher von der Indiana University sagte 2016: „Diese Befunde zeigen uns, wie diese Medikamente das Gehirn schädigen und das Risiko für Demenz erhöhen.“ In ihrer Studie entwickelten 63 % der Nutzer hochbelasteter Anticholinergika innerhalb von 10 Jahren leichte kognitive Beeinträchtigung oder Demenz - gegenüber 38 % der Nichtnutzer.

Dr. Malaz Boustani, der die ACB-Skala mitentwickelt hat, stellte 2018 vor dem US-Senat klar: „Langfristige Einnahme von Anticholinergika verdoppelt das Demenzrisiko nach drei Jahren.“ Seine Studie mit über 48.000 Patienten aus Großbritannien war bahnbrechend.

Aber es gibt auch Nuancen. Dr. Chris Fox von der University of East Anglia warnte: „Wir dürfen nicht vergessen, dass manche Patienten diese Medikamente dringend brauchen.“ Bei Parkinson etwa kann das plötzliche Absetzen von Anticholinergika zu schweren Bewegungsstörungen führen. Deshalb geht es nicht um pauschales Verbieten, sondern um abgewogenes Abwägen.

Die American Geriatrics Society hat in ihren 2023 Beers-Kriterien 56 Medikamente als „potenziell unangemessen“ für Menschen über 65 eingestuft. Dazu gehören Diphenhydramin, Oxybutynin und Amitriptylin - besonders wenn sie für chronische Erkrankungen eingesetzt werden. Die Empfehlung ist klar: Nutzen Sie Alternativen.

Drei Medikamentenflaschen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf einen Patienten mit trockenem Mund.

Trockener Mund - mehr als nur ein Unbehagen

Fast jeder, der Anticholinergika nimmt, kennt das: ein trockener, klebriger Mund, ständiger Durst, Schwierigkeiten beim Sprechen oder Schlucken. 82 % der Nutzer berichten auf Patientenportalen wie Drugs.com von diesem Problem. Ein Nutzer schrieb im Juni 2024: „Ich trinke täglich 2-3 Liter Wasser, aber es hilft nicht.“ Ein anderer sagte: „Ich kann nicht mehr richtig sprechen - meine Zunge klebt an meinem Gaumen.“

Doch trockener Mund ist nicht nur unangenehm. Er erhöht das Risiko für Karies, Zahnfleischentzündungen und Mundinfektionen. Die Speichelproduktion schützt den Mund vor Bakterien. Wenn sie fehlt, wird der Mund zum idealen Nährboden für Schädlinge. Laut einer Studie im Journal of Dental Research steigert kauen von zuckerfreiem Kaugummi die Speichelproduktion um 30-40 %. Rezeptfreie Speichelsubstitute wie Xerolube helfen, kosten aber 25-40 US-Dollar im Monat. Noch wirksamer ist Pilocarpin - 5 mg dreimal täglich erhöht die Speichelproduktion um 50-70 %. Aber auch das hat Nebenwirkungen: Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Übelkeit.

Was sagen Patienten wirklich?

Im Reddit-Forum r/agingparents berichteten 78 % der 142 Befragten, dass Verwandte mit Oxybutynin plötzlich verwirrt oder vergesslich wurden. Ein Sohn schrieb: „Meine Mutter hat sich innerhalb von sechs Monaten komplett verändert. Sie hat aufgehört, sich zu erinnern, wer ich bin.“

Aber es gibt auch andere Stimmen. Ein Nutzer auf Healthgrades schrieb im Mai 2024: „Oxybutynin hat meine Inkontinenz von 8-10 Mal täglich auf 1-2 reduziert. Der trockene Mund ist der Preis, den ich akzeptiere.“

Andere Berichte sind dramatischer. Ein Beitrag im Alzheimer-Forum im November 2023 beschrieb, wie eine 72-jährige Frau nach fünf Jahren Amitriptylin-Einnahme ihre MMSE-Score von 29/30 auf 22/30 verlor - ein klarer Hinweis auf kognitive Verschlechterung. Diese Erfahrungen sind nicht Einzelfälle. Sie entsprechen den klinischen Daten.

Was können Ärzte und Patienten tun?

Die American Urological Association empfiehlt seit 2021, Anticholinergika nicht als Erstlinientherapie bei Harninkontinenz über 65 einzusetzen. Stattdessen sollen Verhaltensänderungen wie Blasentraining oder Mirabegron vorgezogen werden.

Die Europäische Gesellschaft für Geriatrie rät seit 2022: Verwenden Sie die niedrigste wirksame Dosis, und nur so lange wie nötig. Überprüfen Sie die kognitive Leistung alle sechs Monate mit dem MoCA-Test (Montreal Cognitive Assessment). Das ist einfacher als es klingt - es dauert 10 Minuten und misst Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Orientierung.

Leider wissen viele Ärzte nicht, was sie verschreiben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine zeigte: Nur 32 % der Hausärzte erkannten bei Fallbeispielen, ob ein Medikament eine hohe anticholinergische Belastung hat. Das ist ein Systemfehler. Patienten müssen selbst informiert sein.

Eine ältere Frau mit trockenem Mund, die Kaugummi kaut, während eine KI-Warnung auf einem Tablet erscheint.

Was ändert sich gerade?

Die FDA hat 2022 die Warnhinweise auf 12 Medikamentenpackungen verschärft. In Großbritannien rät NICE seit Januar 2023 dazu, Anticholinergika bei 68 % der langfristigen Nutzer über 65 abzusetzen. In den USA sank die Verschreibung von Oxybutynin von 14,2 Millionen auf 9,7 Millionen Rezepte zwischen 2015 und 2022 - während Mirabegron von 1,8 auf 7,3 Millionen stieg.

Neue Medikamente wie Trospium-Chlorid XR (Sanctura XR) haben 70 % weniger Durchdringung des Gehirns als Oxybutynin. Das bedeutet weniger kognitive Nebenwirkungen. Auch Karuna Therapeutics arbeitet an Xanomelin, einem Medikament, das gezielt M1-Rezeptoren aktiviert - und dabei weniger trockenen Mund verursacht. Diese neuen Ansätze sind vielversprechend.

Ein weiterer Fortschritt: Künstliche Intelligenz. Das FDA-geprüfte System MedAware analysiert Rezepte und warnt Ärzte vor unangemessenen Kombinationen. Studien sagen voraus, dass solche Systeme in fünf Jahren die falsche Verschreibung um 35-50 % reduzieren könnten - und so jährlich 200.000-300.000 Demenzfälle verhindern.

Was tun, wenn Sie Anticholinergika einnehmen?

  • Prüfen Sie den ACB-Score Ihres Medikaments - fragen Sie Ihren Apotheker oder suchen Sie online nach „ACB-Skala [Medikamentenname]“.
  • Wenn Sie über 65 sind und ein Medikament mit Score 2 oder 3 einnehmen: Fragen Sie nach Alternativen. Nicht alles muss sein, was verschrieben wird.
  • Beobachten Sie Ihre Gedächtnisleistung: Merken Sie sich Namen, Termine, Anweisungen noch so gut wie früher?
  • Bei trockenem Mund: Kauen Sie zuckerfreien Kaugummi, trinken Sie regelmäßig, und fragen Sie nach Pilocarpin oder Speichelsubstituten.
  • Setzen Sie Medikamente nicht plötzlich ab - besonders bei Parkinson oder Depression. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über einen Absetzplan.

Können Anticholinergika Demenz verursachen?

Anticholinergika verursachen nicht direkt Demenz, aber sie erhöhen das Risiko signifikant. Langfristige Einnahme (über drei Jahre) verdoppelt das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken. Studien zeigen, dass sie das Gehirn schrumpfen lassen, die Gedächtnisbildung stören und die kognitive Leistung dauerhaft beeinträchtigen. Es ist ein Risiko, das sich über Jahre aufbaut - nicht ein plötzlicher Effekt.

Ist trockener Mund ein Zeichen für zu hohe Dosis?

Trockener Mund ist eine sehr häufige Nebenwirkung von Anticholinergika - und sie tritt bei 60-70 % der Nutzer auf. Sie ist kein direktes Zeichen für zu hohe Dosis, aber sie zeigt, dass das Medikament wirkt. Je stärker die anticholinerge Wirkung, desto intensiver ist der trockene Mund. Wenn Sie ständig Durst haben oder Schwierigkeiten beim Schlucken haben, ist das ein Signal, mit Ihrem Arzt über Alternativen zu sprechen.

Gibt es sichere Alternativen zu Oxybutynin bei Harninkontinenz?

Ja. Mirabegron ist ein Beta-3-Agonist, der die Blase entspannt - ohne Acetylcholin zu blockieren. Es wirkt genauso gut wie Oxybutynin, aber ohne kognitive Nebenwirkungen. Auch Blasentraining, Elektrostimulation oder Gewichtsreduktion können helfen. Die American Urological Association empfiehlt diese Methoden als erste Wahl, besonders für Menschen über 65.

Warum verschreiben Ärzte trotzdem gefährliche Medikamente?

Drei Gründe: Erstens, viele Ärzte kennen die ACB-Skala nicht - nur 32 % erkennen hochbelastete Medikamente in Studien. Zweitens, Alternativen wie Mirabegron sind teuer, und Versicherungen zahlen oft nicht. Drittens, bei manchen Erkrankungen wie Parkinson ist das Medikament lebenswichtig. Es geht nicht um Fahrlässigkeit, sondern um fehlende Informationen und wirtschaftliche Zwänge.

Wie kann ich herausfinden, ob mein Medikament anticholinerg wirkt?

Suchen Sie online nach „ACB-Skala [Ihr Medikament]“. Oder fragen Sie Ihren Apotheker. Beliebte Medikamente mit hohem Score sind: Diphenhydramin (Benadryl), Amitriptylin, Oxybutynin, Tolterodin, und einige Antidepressiva und Schlafmittel. Medikamente wie Trospium, Glycopyrronium oder Tolterodin haben niedrige Scores und sind risikoärmer. Einige Apotheken bieten auch kostenlose Beratung zur Medikamentenprüfung an.

Was kommt als Nächstes?

Die Zukunft liegt in gezielterer Medizin. Neue Wirkstoffe, die nur periphere Rezeptoren blockieren, aber das Gehirn verschonen, sind in Entwicklung. KI-Tools werden Ärzte vor gefährlichen Verschreibungen warnen. Und Patienten lernen, ihre Medikamente kritisch zu hinterfragen. Es geht nicht darum, alle Anticholinergika zu verbieten - sondern darum, sie nur dann zu nehmen, wenn wirklich keine andere Wahl bleibt. Und immer mit Augenmaß.

Geschrieben von:
Sabine Grünwald
Sabine Grünwald