Stellen Sie sich vor, Sie wissen genau, wie Ihr Blutzucker sich den ganzen Tag verhält - nicht nur, ob er im Durchschnitt zu hoch ist, sondern wann er abstürzt, wann er spitzt und wieso. Das ist nicht Science-Fiction. Das ist Zeit im Bereich (Time in Range, TIR) - eine messbare, alltägliche Wahrheit, die Diabetes-Behandlung revolutioniert.
Was ist Zeit im Bereich (TIR)?
Zeit im Bereich ist die Prozentzahl der Zeit, die jemand mit Diabetes innerhalb eines gesunden Blutzuckerspektrums verbringt: zwischen 70 und 180 mg/dL (3,9-10,0 mmol/L). Es ist keine theoretische Zahl. Es ist die Summe aus über 1.300 bis 20.000 einzelnen Messungen, die ein kontinuierliches Glukosemonitoring (CGM)-System in zwei Wochen sammelt. Jede Minute, jede Stunde, jede Mahlzeit - alles wird erfasst.
Früher reichte HbA1c als Maßstab: ein Durchschnittswert über drei Monate. Aber was, wenn Ihr Blutzucker morgens bei 300 mg/dL liegt, abends bei 80 - und der Durchschnitt trotzdem 140 ist? HbA1c sagt Ihnen nichts über diese gefährlichen Schwankungen. TIR hingegen zeigt: Wie viel Zeit verbringen Sie wirklich in der sicheren Zone? Wie oft sinkt Ihr Wert unter 70? Wie oft steigt er über 180?
Die internationale Leitlinie von 2019 und die ADA-Leitlinien 2025 definieren klar: Für die meisten Erwachsenen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollte das Ziel mindestens 70 % Zeit im Bereich betragen. Das sind fast 17 Stunden pro Tag. Gleichzeitig sollte die Zeit unter 70 mg/dL (Time Below Range, TBR) unter 4 % liegen - und unter 54 mg/dL (schwere Unterzuckerung) sogar unter 1 %.
Warum ist TIR besser als HbA1c?
HbA1c ist wie ein Buchzusammenfassung. Es sagt Ihnen: „Der Held hat viel gelitten.“ Aber es sagt nicht, wann er gestürzt ist, welche Entscheidung ihn in die Schwierigkeit gebracht hat oder ob er sich erholt hat.
TIR ist das ganze Buch. Sie sehen, dass Ihr Blutzucker nach dem Mittagessen mit Reis auf 210 mg/dL schnellt - nicht weil Sie zu viel gegessen haben, sondern weil Sie den Insulinbolus zu spät gesetzt haben. Sie sehen, dass Ihr Wert nach dem Spaziergang um 22 Uhr auf 65 mg/dL fällt - und dass Sie das vorher nicht bemerkt haben, weil Sie keinen Sensor trugen.
Studien zeigen: Zwei Menschen mit identischem HbA1c von 7 % können völlig unterschiedliche TIR-Werte haben. Der eine verbringt 80 % der Zeit im Bereich - stabil, sicher, energiegeladen. Der andere nur 55 % - mit häufigen, oft unerkannten Unterzuckerungen. Der Unterschied liegt nicht im HbA1c. Der Unterschied liegt in den täglichen Mustern - und die erkennt nur TIR.
Wie funktioniert CGM?
Ein CGM-Sensor wird unter die Haut am Bauch oder Arm eingesetzt. Er misst alle 1 bis 5 Minuten die Glukose im Zwischenzellraum - nicht im Blut, aber mit hoher Korrelation. Die Daten werden automatisch an ein Smartphone oder ein tragbares Gerät gesendet. Nach 14 Tagen wird der Sensor ausgetauscht.
Die App zeigt nicht nur einen Graphen. Sie zeigt drei farbige Bereiche: grün für 70-180 mg/dL (Zeit im Bereich), gelb für 180-250 mg/dL (zu hoch), rot für unter 70 mg/dL (zu niedrig). Ein durchschnittlicher Tag sieht so aus: 16 Stunden grün, 5 Stunden gelb, 3 Stunden rot. Das ist ein klarer Handlungsbedarf.
Wichtig: Die Daten sind nur dann verlässlich, wenn der Sensor mindestens 70 % der Zeit aktiv ist - also mindestens 17 Stunden pro Tag getragen wird. Ein Sensor, der nur 10 Stunden pro Tag läuft, gibt Ihnen ein verzerrtes Bild. Sie könnten glauben, alles sei in Ordnung - obwohl Sie die kritischen Zeiten verpassen.
Was sind die anderen Messwerte?
TIR ist nicht allein. Es lebt in einem Netzwerk von Messwerten:
- Time Below Range (TBR): Zeit unter 70 mg/dL. Je niedriger, desto besser. Ziel: unter 4 %.
- Time Above Range (TAR): Zeit über 180 mg/dL. Ziel: unter 25 % - je niedriger, desto besser für Ihre Gefäße und Nieren.
- Mittlerer Blutzucker: Der Durchschnitt aller Messwerte. Hilft, TIR zu kontextualisieren.
- Koeffizient der Variation (CV): Zeigt, wie stark Ihr Blutzucker schwankt. Unter 36 % gilt als stabil - über 40 % als unkontrolliert.
Einige Ärzte und Forscher prüfen auch „Time in Tight Range“ (70-140 mg/dL). Das ist der Bereich, in dem Menschen ohne Diabetes meistens liegen. Es ist kein Standardziel - aber ein interessantes Forschungsziel für Menschen, die ihre Kontrolle auf ein neues Niveau heben wollen.
Wie nutzen Patienten TIR im Alltag?
Ein Patient erzählte: „Ich dachte, Obst ist immer gesund. Aber nach Äpfeln stieg mein Wert auf 220. Nach Birnen blieb er bei 130. Ich hatte nie gewusst, dass das so unterschiedlich ist.“
Das ist der wahre Wert von TIR: Es macht das Unsichtbare sichtbar. Sie lernen, welche Lebensmittel Sie wirklich beeinflussen - nicht was die Ernährungsberater sagen, sondern was Ihr Körper tatsächlich tut. Sie sehen, dass Sport nach dem Abendbrot Ihre Nachtglukose stabilisiert. Sie erkennen, dass Stress am Montagmorgen Ihre Werte hochtreibt - und dass Sie dann vielleicht eine kleinere Dosis Insulin brauchen.
Studien zeigen: Menschen, die CGM nutzen, erleben weniger Angst, mehr Kontrolle und eine bessere Lebensqualität. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie ausgehen, reisen oder Sport treiben. Sie vermeiden Notfälle - weil sie vorhersehen können, was kommt.
Und doch: Der Anfang ist nicht leicht. Die Datenflut kann überwältigend sein. Einige fühlen sich von den Alarmsignalen belastet. Andere haben Schmerzen beim Einsetzen des Sensors. Aber nach 1-2 Wochen und einem Gespräch mit einem Diabetes-Berater wird es klar: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, zu verstehen.
Was brauchen Sie, um mit TIR zu starten?
Erstens: Ein CGM-Gerät. Die großen Anbieter sind Dexcom, Abbott (FreeStyle Libre) und Medtronic. Sie alle liefern TIR-Daten - aber die Apps und Algorithmen unterscheiden sich. Abbott ist einfach und intuitiv, Dexcom bietet mehr Details, Medtronic ist oft mit Insulinpumpen verknüpft.
Zweitens: Eine mindestens 14-tägige Messperiode. Kürzere Zeiträume liefern keine verlässlichen Daten. Sie brauchen mindestens 70 % aktive Sensorzeit - also mehr als 17 Stunden pro Tag.
Drittens: Unterstützung. Ein Diabetes-Berater oder eine Diabetologin kann Ihnen helfen, die Daten zu deuten. Die ADA und die ADCES (Association of Diabetes Care & Education Specialists) empfehlen mindestens zwei Beratungsgespräche, um TIR richtig zu nutzen. Nicht jeder Arzt kennt die neuen Metriken - fragen Sie danach.
Viertens: Geduld. Sie lernen nicht in einer Woche, wie Ihr Körper tickt. Es braucht Wochen, um Muster zu erkennen. Schreiben Sie auf: Was haben Sie gegessen? Wann haben Sie sich bewegt? Wie haben Sie sich gefühlt? Kombinieren Sie das mit den CGM-Daten - und Sie bekommen ein Bild, das kein HbA1c jemals liefern könnte.
Was ändert sich durch die ADA-Leitlinien 2025?
Früher war CGM nur für Insulin-Patienten empfohlen. Jetzt steht es in den ADA-Leitlinien 2025 klar: „CGM sollte bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes in Betracht gezogen werden - selbst wenn sie kein Insulin nehmen.“
Das ist ein Wendepunkt. Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes, die nur Metformin oder GLP-1-Agonisten nehmen, können jetzt von TIR profitieren. Sie brauchen nicht erst auf Insulin umzusteigen, um ihre Blutzuckerschwankungen zu sehen. Sie brauchen nur einen Sensor - und die Bereitschaft, zuzuhören.
Die Kassen in Deutschland und den USA haben diese Entwicklung erkannt. In den USA stieg die CGM-Nutzung bei Medicare-Empfängern mit Typ-2-Diabetes von 15 % im Jahr 2019 auf 42 % im Jahr 2023. In Deutschland wird die Kostenerstattung für CGM bei Typ-2-Diabetes langsam erweitert - aber noch nicht flächendeckend. Fragen Sie Ihre Krankenkasse.
Was kommt als Nächstes?
Die Zukunft von TIR ist intelligent. Künstliche Intelligenz analysiert Ihre Daten und sagt: „Morgen haben Sie eine wichtige Besprechung. Trinken Sie heute Abend weniger Kaffee - Ihr Wert steigt sonst auf 200.“ Oder: „Ihr TIR sinkt, wenn Sie um 22 Uhr essen. Probieren Sie, das Abendessen auf 20 Uhr vorzuziehen.“
Forschungsprojekte wie die T1D Exchange Registry sammeln Daten von Tausenden, um zu verstehen: Wie viel Zeit im Bereich braucht man, um Nierenschäden, Sehstörungen oder Herzprobleme zu vermeiden? Die ersten Hinweise: Je mehr Zeit im Bereich, desto geringer das Risiko. Aber die genauen Schwellenwerte - das wird noch erforscht.
Ein weiterer Trend: TIR wird nicht mehr nur als „Ziel“ gesehen, sondern als „Weg“. Es geht nicht mehr nur darum, 70 % zu erreichen - sondern darum, jeden Tag ein bisschen mehr zu erreichen. Ein Sprung von 50 % auf 60 % ist schon ein großer Erfolg. Und dieser Erfolg zählt.
Was Sie jetzt tun können
Wenn Sie Diabetes haben und noch keinen CGM-Sensor tragen:
- Reden Sie mit Ihrem Arzt über TIR - nicht nur über HbA1c.
- Fragen Sie, ob CGM für Sie geeignet ist - auch wenn Sie kein Insulin nehmen.
- Prüfen Sie, ob Ihre Krankenkasse die Kosten übernimmt.
- Wenn Sie bereits einen Sensor tragen: Schauen Sie nicht nur auf die Zahlen. Suchen Sie nach Mustern. Fragen Sie: Warum jetzt? Was hat sich geändert?
Die Zeit im Bereich ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage für eine sichere, selbstbestimmte Lebensweise mit Diabetes. Sie brauchen keine Perfektion. Sie brauchen nur Wissen - und den Mut, zuzuhören.