Lithium ist ein wirksames Medikament bei bipolaren Störungen - aber es ist auch ein enges Spiel. Bereits kleine Veränderungen im Körper können dazu führen, dass Lithium im Blut ansteigt und giftig wird. Besonders gefährlich sind Wechselwirkungen mit häufig verschriebenen Medikamenten wie NSAIDs und Diuretika, sowie einfache Dinge wie zu wenig Flüssigkeit. Viele Patienten wissen nicht, dass ein einfaches Kopfschmerzmittel oder eine Diät mit weniger Salz das Risiko für eine lebensbedrohliche Vergiftung erhöhen kann.
Warum Lithium so empfindlich ist
Lithium wird fast vollständig über die Nieren ausgeschieden - rund 95 % des Medikaments gelangen unverändert in den Urin. Das macht es extrem anfällig für alles, was die Nierenfunktion beeinflusst. Wenn die Nieren nicht mehr so gut arbeiten, bleibt mehr Lithium im Blut. Der therapeutische Bereich ist sehr schmal: zwischen 0,6 und 1,2 mmol/L. Darunter wirkt es nicht ausreichend. Darüber beginnt es zu toxisch zu wirken. Bei älteren Patienten über 65 Jahren ist das Risiko für eine Lithium-Toxizität mehr als dreimal so hoch wie bei jüngeren Menschen. Das liegt nicht nur am Alter, sondern oft an zusätzlichen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Nierenproblemen.NSAIDs: Das häufige und unterschätzte Risiko
Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAIDs) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Indometacin sind weltweit die am häufigsten eingenommenen Schmerzmittel. Doch für Menschen, die Lithium nehmen, können sie gefährlich sein. Diese Medikamente hemmen die Bildung von Prostaglandinen in den Nieren - Substanzen, die für eine gute Durchblutung und Filterleistung wichtig sind. Wenn diese Hemmung eintritt, sinkt die Nierenfiltrationsrate. Das bedeutet: weniger Lithium wird ausgeschieden. Die Konzentration im Blut steigt. Die Wirkung ist schnell: Innerhalb von sieben Tagen nach Beginn der NSAID-Einnahme kann sich der Lithiumspiegel deutlich erhöhen. Indometacin ist am stärksten - es kann die Lithiumkonzentration um 30 bis 60 % steigern. Ibuprofen erhöht sie um 25 bis 40 %. Selbst Celecoxib, das oft als „sanfter“ gilt, führt zu einem Anstieg von 15 bis 30 %. Diese Veränderung ist nicht nur theoretisch. In Neuseeland starb eine 72-jährige Frau, die Lithium und ein NSAID zusammen einnahm - zusätzlich noch einen ACE-Hemmer. Ihre Lithiumwerte wurden nur sporadisch kontrolliert. Ein tödlicher Fehler, der leicht vermeidbar gewesen wäre.Diuretika: Nicht alle wirken gleich
Diuretika, auch Wasserpillen genannt, erhöhen die Harnausscheidung. Aber nicht alle haben denselben Effekt auf Lithium. Thiazid-Diuretika wie Hydrochlorothiazid sind die gefährlichsten. Sie können die Lithiumkonzentration innerhalb von 7 bis 10 Tagen um 25 bis 50 % erhöhen. Warum? Sie verändern die Nierenfunktion so, dass Lithium weniger gut ausgeschieden wird - und gleichzeitig wird mehr Natrium zurückgehalten, was die Lithiumaufnahme in den Nieren fördert. Loop-Diuretika wie Furosemid sind etwas weniger problematisch. Sie erhöhen den Lithiumspiegel meist nur um 10 bis 25 %. Dennoch ist auch hier Vorsicht geboten. Potassium-sparende Diuretika wie Spironolacton zeigen unklare Effekte - es gibt kaum belastbare Daten. Ganz anders verhalten sich osmotische Diuretika wie Mannitol oder Carbonic-Anhydrase-Inhibitoren wie Acetazolamid. Sie senken den Lithiumspiegel um 15 bis 30 %. Das ist zwar kein „sicherer“ Effekt, aber es zeigt: Die Wirkung hängt vom Wirkmechanismus ab, nicht nur davon, dass es eine „Wassertablette“ ist.Dehydrierung: Der unsichtbare Giftmacher
Du musst nicht einmal ein Medikament einnehmen, um Lithium-toxisch zu werden. Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel reicht. Wenn du 2 bis 3 % deines Körpergewichts an Wasser verlierst - etwa durch Schwitzen, Durchfall, Erbrechen oder lange Flüge - steigt der Lithiumspiegel um 15 bis 25 %. Das liegt daran: Lithium wird im Blut im Verhältnis zum Wasser verteilt. Weniger Wasser = höhere Konzentration. Das ist besonders kritisch im Sommer, bei Fieber, nach starkem Sport oder bei Magen-Darm-Infekten. Reisende in warme Länder, die nicht genug trinken, sind besonders gefährdet. Auch die Salzaufnahme spielt eine entscheidende Rolle. Wenn du plötzlich weniger Salz isst - etwa bei einer Low-Sodium-Diät - steigt der Lithiumspiegel. Wenn du mehr Salz isst, sinkt er. Eine Veränderung von 20 bis 30 mmol Natrium pro Tag kann den Lithiumwert um 10 bis 20 % beeinflussen. Viele Patienten wissen nicht, dass ihr Salzkonsum direkt mit ihrem Medikament verbunden ist. Ein Salzstreuer auf dem Tisch kann lebenswichtig sein - oder tödlich, wenn er plötzlich verschwindet.
Was du tun musst - und was du vermeiden solltest
Wenn du Lithium nimmst, solltest du NSAIDs und Thiazid-Diuretika grundsätzlich meiden. Das ist die klare Empfehlung aller Leitlinien. Wenn du trotzdem ein Schmerzmittel brauchst, sprich mit deinem Arzt. Paracetamol ist oft die sicherere Alternative. Falls ein Diuretikum unvermeidbar ist - etwa wegen Bluthochdruck - muss dein Lithiumspiegel innerhalb der ersten Woche nach Beginn der Einnahme kontrolliert werden. Danach mindestens alle zwei Wochen, bis sich der Wert stabilisiert hat. Trinke ausreichend Flüssigkeit - mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Tag, mehr bei Hitze, Sport oder Krankheit. Vermeide Alkohol und Koffein in großen Mengen, sie fördern die Dehydrierung. Achte auf deine Salzzufuhr: Halte sie konstant. Keine plötzlichen Diäten. Wenn du krank wirst - besonders mit Durchfall oder Erbrechen - informiere sofort deinen Arzt. In solchen Fällen wird oft vorübergehend das Lithium abgesetzt, bis du wieder stabil bist.Frühe Warnzeichen einer Lithium-Toxizität
Die ersten Anzeichen sind oft unspezifisch und werden leicht übersehen. 68 % der Betroffenen haben Durchfall, 52 % fühlen sich schwindelig, 47 % sind schläfrig. Später kommen Übelkeit, Zittern, verschwommene Sicht und Tinnitus hinzu. Bei schwerer Toxizität können Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit auftreten. Diese Symptome treten nicht plötzlich auf - sie schleichen sich ein. Wenn du merkst, dass du dich anders fühlst als sonst, besonders wenn du ein neues Medikament eingenommen hast oder krank warst, geh sofort zum Arzt. Ein einfacher Bluttest kann Leben retten.Langfristige Folgen: Kann Lithium die Nieren schädigen?
Ja. Bei wiederholten oder schweren Toxizitäten kann es zu dauerhaften Nierenschäden kommen. Besonders bei älteren Menschen mit vorbestehenden Nierenproblemen ist das Risiko hoch. Die Nieren können ihre Fähigkeit verlieren, Lithium richtig auszuscheiden - was wiederum zu noch häufigeren Toxizitäten führt. Es ist ein Teufelskreis. Deshalb ist regelmäßige Kontrolle der Nierenwerte - Kreatinin, eGFR - genauso wichtig wie die Lithiummessung. Wer langfristig Lithium nimmt, braucht jährlich mindestens zwei Kontrollen der Nierenfunktion, besser noch vier.
Was passiert, wenn du es nicht beachtest?
Die Fallberichte sind erschreckend. Eine 72-Jährige stirbt, weil sie Ibuprofen gegen Gelenkschmerzen nahm - und niemand kontrollierte ihren Lithiumspiegel. Ein 80-Jähriger kommt ins Krankenhaus mit Krampfanfällen, weil er nach einer Reise nach Spanien nicht genug getrunken hat. Ein Patient mit Depressionen verliert das Gleichgewicht, weil er auf Diät ging und weniger Salz aß - und sein Arzt nicht wusste, dass das Lithium beeinflusst. Diese Fälle passieren nicht, weil die Ärzte schludern. Sie passieren, weil die Risiken nicht bekannt sind - oder ignoriert werden. Selbst moderne elektronische Systeme warnen manchmal nicht, weil die Wechselwirkung als „niedriges Risiko“ eingestuft ist. Aber für Lithium-Patienten ist jedes Risiko hoch.Was du jetzt tun kannst
1. Prüfe deine Medikamente: Hast du ein Schmerzmittel, ein Blutdruckmittel oder eine „Wasser-tablette“? Frag deinen Arzt oder Apotheker, ob es mit Lithium verträglich ist. 2. Trinke regelmäßig: Mache dir eine Tasse Wasser zur Gewohnheit - morgens, nach dem Essen, vor dem Schlafengehen. Trink, auch wenn du keinen Durst hast. 3. Halte deine Salzaufnahme konstant: Keine plötzlichen Diäten. Kein Salz entziehen, um „gesund“ zu sein. Dein Körper braucht es - und dein Lithium braucht es. 4. Wisse, was du brauchst: Wenn du krank wirst - besonders mit Durchfall oder Fieber - ruf deinen Arzt an. Nicht warten, bis es schlimmer wird. 5. Regelmäßige Kontrolle ist Pflicht: Lass deinen Lithiumspiegel und deine Nierenwerte mindestens alle drei Monate prüfen. Mehr, wenn du Risikofaktoren hast.Was ist mit natürlichen Diuretika?
Kräutertees, Diätpillen oder „natürliche“ Abführmittel - oft mit Bärlauch, Brennnessel oder Löwenzahn - werden als „sicher“ beworben. Doch sie wirken genau wie chemische Diuretika: Sie erhöhen die Harnausscheidung. Und das bedeutet: weniger Flüssigkeit im Körper. Das führt zu einem Anstieg des Lithiumspiegels. Diese Produkte sind nicht überwacht, ihre Wirkstoffkonzentration ist unklar. Sie sind ein verstecktes Risiko. Vermeide sie - auch wenn sie „natürlich“ sind.Was ist mit anderen Medikamenten?
Neben NSAIDs und Diuretika können auch bestimmte Antidepressiva - besonders SSRI wie Fluoxetin - den Lithiumspiegel leicht erhöhen. Die Wirkung ist schwächer als bei NSAIDs, aber sie ist real. Auch bestimmte Blutdruckmittel wie ACE-Hemmer (z. B. Cilazapril) verstärken die Wirkung von NSAIDs - eine gefährliche Kombination. Informiere deinen Arzt über ALLE Medikamente, die du nimmst - auch Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Mittel.Kann ich Ibuprofen nehmen, wenn ich Lithium einnehme?
Nein, nicht ohne Rücksprache mit deinem Arzt. Ibuprofen erhöht den Lithiumspiegel um 25 bis 40 %. Selbst kurze Anwendungen können zu einer Toxizität führen, besonders bei älteren Patienten oder bei Dehydrierung. Paracetamol ist die sicherere Alternative bei Schmerzen. Wenn du Ibuprofen unbedingt brauchst, muss dein Lithiumspiegel vorher und nachher kontrolliert werden - und du solltest nur eine niedrige Dosis für höchstens drei Tage einnehmen.
Warum steigt der Lithiumspiegel bei weniger Salz?
Lithium wird in den Nieren ähnlich wie Natrium (Salz) behandelt. Wenn du weniger Salz isst, nehmen die Nieren mehr Lithium zurück, um das Natrium-Gleichgewicht zu halten. Das führt dazu, dass weniger Lithium im Urin landet und mehr im Blut bleibt. Eine Reduktion von 20-30 mmol Natrium pro Tag kann den Lithiumspiegel um 10-20 % erhöhen. Deshalb ist eine konstante Salzaufnahme wichtig - nicht mehr, nicht weniger als sonst.
Wie lange dauert es, bis Lithium nach einer NSAID-Einnahme ansteigt?
Der Anstieg kann bereits nach 3-5 Tagen sichtbar werden, ist aber meist nach 7-10 Tagen am stärksten. Deshalb wird empfohlen, den Lithiumspiegel eine Woche nach Beginn der NSAID-Einnahme zu messen. Der Effekt hält an, solange du das NSAID einnimmst. Sobald du es absetzt, sinkt der Lithiumspiegel wieder - aber das kann bis zu zwei Wochen dauern.
Ist Furosemid sicherer als Hydrochlorothiazid?
Ja, Furosemid ist in der Regel weniger gefährlich als Hydrochlorothiazid. Während Thiazide den Lithiumspiegel um 25-50 % erhöhen, steigt er bei Furosemid meist nur um 10-25 %. Dennoch ist auch Furosemid kein sicheres Medikament bei Lithiumtherapie. Es muss kontrolliert werden. Der Grund: Furosemid führt zu mehr Flüssigkeitsverlust, was indirekt auch den Lithiumspiegel erhöhen kann - besonders wenn du nicht genug trinkst.
Was soll ich tun, wenn ich Durchfall habe und Lithium nehme?
Trinke viel Flüssigkeit - am besten mit Elektrolyten, wie Brühe oder speziellen Lösungen. Setze deine Lithiumgabe nicht selbst ab. Rufe deinen Arzt an. In vielen Fällen wird empfohlen, die Lithiumdosis vorübergehend zu senken oder ganz auszusetzen, bis die Durchfallphase vorbei ist. Dein Lithiumspiegel sollte innerhalb von 24-48 Stunden kontrolliert werden. Nicht warten, bis du schwindelig oder verschwommen siehst.
Kann Lithium-Toxizität dauerhafte Schäden verursachen?
Ja. Bei schweren oder wiederholten Toxizitäten kann es zu dauerhaften Nierenschäden kommen - besonders bei älteren Menschen. Die Nieren verlieren dann ihre Fähigkeit, Lithium richtig auszuscheiden. Das bedeutet: Auch ohne neue Medikamente oder Dehydrierung steigt der Lithiumspiegel leichter an. Es ist ein Teufelskreis. Deshalb ist Prävention so wichtig: Trinken, Salz, Kontrolle - und Vermeidung von Risikomitteln.