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Wenn Benzodiazepine und Opioid zusammen eingenommen werden, kann die Atmung einfach aufhören. Nicht weil jemand zu viel genommen hat, sondern weil diese beiden Medikamente sich in einem gefährlichen Spiel verstärken - und der Körper keine Chance hat. Die Atemzentren im Gehirn werden von beiden Substanzen gleichzeitig lahmgelegt. Das Ergebnis: Atemstillstand, Koma, Tod. Diese Kombination ist nicht nur riskant - sie ist tödlich.
Wie genau unterdrücken diese Medikamente die Atmung?
Studien zeigen: Wenn Fentanyl und Midazolam zusammen gegeben werden, sinkt die Atemleistung um 78 %. Allein Fentanyl reduziert sie um 45 %, Midazolam allein um 28 %. Die Kombination ist nicht nur doppelt so gefährlich - sie ist fast dreimal so tödlich.
Warum ist das so häufig passiert?
Die Zahl der Todesfälle durch diese Kombination ist in den letzten zwei Jahrzehnten um 1.800 % gestiegen. Im Jahr 1999 starben 0,2 von 100.000 Menschen an einer Überdosis mit Opioid und Benzodiazepin. 2019 waren es 3,8 - fast 20 Mal so viele. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) berichtet, dass Benzodiazepine in 16 % aller Opioid-Überdosis-Todesfälle im Jahr 2019 nachgewiesen wurden. Bei illegalem Heroin oder Fentanyl war es sogar 22,5 %.
Warum nehmen Menschen beides? Oft aus gutem Grund. Wer unter chronischen Schmerzen leidet, bekommt Opioid. Wer gleichzeitig Angstzustände, Schlafstörungen oder Muskelkrämpfe hat, bekommt Benzodiazepin. Ärzte verschreiben beide, weil sie denken: Das ist Standard. Aber das ist es nicht. Es ist ein Risiko, das viele nicht verstehen.
Ein Patient, der Opioid für Rückenschmerzen und Diazepam für Angst nimmt, hat ein 10-fach höheres Risiko, an einer Überdosis zu sterben, als jemand, der nur Opioid nimmt. Das hat eine Studie in JAMA Internal Medicine 2016 gezeigt. Und das, obwohl beide Medikamente einzeln legal verschrieben werden.
Was sagt die Medizin dazu?
Die American Society of Anesthesiologists sagt klar: Diese Kombination sollte immer vermieden werden. Die Food and Drug Administration (FDA) hat 2016 eine Black Box Warning eingeführt - die strengste Warnung, die es gibt. Sie steht direkt auf der Packungsbeilage: „Kombinierte Anwendung kann zu schwerer Atemdepression, Koma und Tod führen.“
Dr. Nora Volkow, Direktorin des National Institute on Drug Abuse, sagte 2017 vor dem US-Senat: „Beide Medikamente unterdrücken die Atmung. Zusammen können sie tödlich sein.“
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie haben ähnliche Leitlinien veröffentlicht. Sie empfehlen: Wenn möglich, Benzodiazepine durch andere Mittel ersetzen - etwa Buspiron für Angst oder SSRI wie Sertralin für Depression und Angst. Für Schlafprobleme gibt es nicht-suchterzeugende Alternativen wie Trazodon oder Melatonin.
Was passiert, wenn jemand eine Überdosis bekommt?
Naloxon, das Medikament, das bei Opioid-Überdosen Leben rettet, wirkt nur gegen Opioid. Es hat keine Wirkung auf Benzodiazepin. Das bedeutet: Ein Mensch, der Fentanyl und Alprazolam eingenommen hat, kann mit Naloxon wieder zu Atem kommen - aber nur für eine Weile. Wenn das Benzodiazepin noch im Körper ist, fällt er erneut in Atemstillstand, sobald Naloxon abgebaut ist.
Das ist ein riesiges Problem. Rettungsdienste und Notärzte müssen jetzt nicht nur Naloxon geben - sie müssen auch mit intensiver Beatmung und langem Monitoring reagieren. Die Überlebenschance sinkt, wenn die Behandlung nicht sofort und lang genug erfolgt.
Wissenschaftler forschen an neuen Lösungen. Ein Experiment mit dem Wirkstoff CX1739 zeigte, dass er bei Mäusen die Atemfunktion nach einer Kombinationsüberdosis komplett wiederherstellen konnte. Doch das ist noch nicht für Menschen zugelassen. Bis dahin bleibt Naloxon das einzige Mittel - und es ist unzureichend.
Wie kann man das Risiko reduzieren?
Es gibt klare Schritte, die Ärzte und Patienten ergreifen können:
- Vermeiden Sie die Kombination, wenn möglich. Fragt sich: Brauche ich wirklich beide Medikamente? Gibt es Alternativen?
- Wenn unbedingt nötig: Minimale Dosen, kürzeste Dauer. Keine Langzeittherapie mit beiden. Keine „auf Nummer sicher gehen“-Dosen.
- PDMP nutzen. In vielen Ländern, auch in Deutschland, gibt es Apotheken- und Verschreibungs-Überwachungssysteme. Sie warnen Ärzte, wenn jemand bereits Benzodiazepin und Opioid bekommt.
- Informieren Sie Patienten. Nicht nur schriftlich - persönlich. „Wenn Sie beide nehmen, können Sie im Schlaf aufhören zu atmen. Das passiert ohne Warnung.“
- Naloxon bereithalten. Wer Opioid nimmt - besonders mit anderen Sedativa - sollte Naloxon zu Hause haben. Und Angehörige müssen wissen, wie man es anwendet.
Seit der FDA-Warnung 2016 ist die Anzahl der gleichzeitigen Verschreibungen in den USA um 14,5 % gesunken. Aber noch immer nehmen 8,7 % der Menschen, die langfristig Opioid bekommen, auch Benzodiazepin - und das, obwohl die Risiken bekannt sind.
Was kommt als Nächstes?
Die NIH HEAL Initiative hat 15,7 Millionen Dollar für Forschung zu Atemdepression durch Kombinationsdrogen bereitgestellt. Ziel: Bessere Reversal-Medikamente, intelligente Überwachungssysteme, sogar künstliche Atemstimulatoren, die bei Atemstillstand automatisch einschalten.
Aber bis dahin: Die Zahl der Todesfälle bleibt hoch. Die CDC prognostiziert bis 2025 weitere 12.000 bis 15.000 Todesfälle pro Jahr durch diese Kombination - in den USA. In Deutschland ist die Lage ähnlich, wenn auch weniger dramatisch. Doch die Tendenz ist klar: steigend.
Es geht nicht um moralische Urteile. Es geht um Biologie. Um Gehirn, um Nervenzellen, um Rezeptoren. Und um die einfache Tatsache: Zwei Medikamente, die einzeln sicher sind, können zusammen tödlich sein. Und das wissen viele nicht.
Kann man Benzodiazepine und Opioid zusammennehmen, wenn man sie von einem Arzt bekommt?
Selbst wenn ein Arzt beide Medikamente verschreibt, bleibt das Risiko hoch. Ärzte verschreiben sie oft aus Unwissenheit oder weil sie glauben, die Patienten bräuchten beide. Die Leitlinien sagen klar: Vermeiden Sie die Kombination. Wenn es absolut notwendig ist, dann nur mit minimalen Dosen, kurzer Dauer und engem Monitoring. Keine Langzeittherapie. Keine Selbstmedikation.
Warum hilft Naloxon nicht immer bei einer Überdosis mit beiden Medikamenten?
Naloxon blockiert nur die Opioid-Rezeptoren. Es hat keine Wirkung auf die GABA-Rezeptoren, die von Benzodiazepinen beeinflusst werden. Deshalb kann jemand nach Naloxon-Gabe wieder atmen - aber wenn das Benzodiazepin noch wirkt, fällt er erneut in Atemstillstand. Das ist ein kritischer Grund, warum die Behandlung von Kombinationsüberdosen länger und intensiver sein muss.
Gibt es sichere Alternativen zu Benzodiazepinen bei Schmerzpatienten mit Angst?
Ja. Für Angstzustände können SSRI wie Sertralin, Escitalopram oder Buspiron eingesetzt werden - sie sind nicht suchterzeugend und haben keine Atemdepressiv-Wirkung. Für Schlafstörungen gibt es Trazodon oder Melatonin. Für Muskelkrämpfe sind Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin oft besser geeignet als Benzodiazepine. Die Behandlung sollte immer individuell abgestimmt werden.
Welche Rolle spielen Apotheken bei der Vermeidung dieser Kombination?
Apotheken in Deutschland nutzen das Patientenmedikationsplan-System und können über elektronische Systeme erkennen, wenn ein Patient gleichzeitig Opioid und Benzodiazepin erhält. Viele Apotheken warnen dann den Patienten oder kontaktieren den Arzt. In einigen Bundesländern gibt es auch automatische Warnungen im Verschreibungssystem. Das ist ein wichtiger Schutz, aber nicht überall flächendeckend implementiert.
Wie kann ich als Angehöriger helfen, wenn jemand Opioid und Benzodiazepin nimmt?
Lernen Sie, wie Naloxon funktioniert - und halten Sie es bereit. Achten Sie auf Anzeichen: extreme Schläfrigkeit, unregelmäßige Atmung, blasse Haut, nicht ansprechbar. Rufen Sie sofort den Notruf. Sagen Sie klar: „Er/sie nimmt Opioid und ein Beruhigungsmittel.“ Das hilft den Rettungskräften. Reden Sie offen über das Risiko - ohne Vorwürfe. Viele wissen nicht, wie gefährlich diese Kombination ist.