21 Januar 2026

Benzodiazepine und Opioid: Lebensbedrohliche Atemdepression

Benzodiazepine und Opioid: Lebensbedrohliche Atemdepression

Sicherheitsalternativen Finder

Wenn Benzodiazepine und Opioid zusammen eingenommen werden, kann die Atmung einfach aufhören. Nicht weil jemand zu viel genommen hat, sondern weil diese beiden Medikamente sich in einem gefährlichen Spiel verstärken - und der Körper keine Chance hat. Die Atemzentren im Gehirn werden von beiden Substanzen gleichzeitig lahmgelegt. Das Ergebnis: Atemstillstand, Koma, Tod. Diese Kombination ist nicht nur riskant - sie ist tödlich.

Wie genau unterdrücken diese Medikamente die Atmung?

wie Morphin, Oxycodon oder Fentanyl wirken auf spezifische Rezeptoren im Gehirnstamm, besonders im Kölliker-Fuse- und Parabrachial-Komplex und im preBötzinger-Komplex. Diese Bereiche steuern, wie tief und wie oft wir atmen. Opioid aktivieren sogenannte Mu-Opioid-Rezeptoren, was dazu führt, dass die Ausatmung länger wird und die Einatmung schwächer wird. Die Atmung wird flach, langsam - und irgendwann bleibt sie ganz stehen.

wie Diazepam, Alprazolam oder Midazolam wirken anders, aber genauso gefährlich. Sie verstärken die Wirkung von GABA, dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im Gehirn. Das führt dazu, dass Nervenzellen, die für die Atmung zuständig sind, weniger aktiv werden. Bei gesunden Menschen allein mit Benzodiazepinen ist das oft nur ein leichtes Schläfrigkeitsgefühl. Aber kombiniert mit Opioiden? Dann wird die Hemmung nicht nur additiv - sie wird synergistisch. Das bedeutet: Die Wirkung ist viel stärker als die Summe der Einzelwirkungen.

Studien zeigen: Wenn Fentanyl und Midazolam zusammen gegeben werden, sinkt die Atemleistung um 78 %. Allein Fentanyl reduziert sie um 45 %, Midazolam allein um 28 %. Die Kombination ist nicht nur doppelt so gefährlich - sie ist fast dreimal so tödlich.

Warum ist das so häufig passiert?

Die Zahl der Todesfälle durch diese Kombination ist in den letzten zwei Jahrzehnten um 1.800 % gestiegen. Im Jahr 1999 starben 0,2 von 100.000 Menschen an einer Überdosis mit Opioid und Benzodiazepin. 2019 waren es 3,8 - fast 20 Mal so viele. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) berichtet, dass Benzodiazepine in 16 % aller Opioid-Überdosis-Todesfälle im Jahr 2019 nachgewiesen wurden. Bei illegalem Heroin oder Fentanyl war es sogar 22,5 %.

Warum nehmen Menschen beides? Oft aus gutem Grund. Wer unter chronischen Schmerzen leidet, bekommt Opioid. Wer gleichzeitig Angstzustände, Schlafstörungen oder Muskelkrämpfe hat, bekommt Benzodiazepin. Ärzte verschreiben beide, weil sie denken: Das ist Standard. Aber das ist es nicht. Es ist ein Risiko, das viele nicht verstehen.

Ein Patient, der Opioid für Rückenschmerzen und Diazepam für Angst nimmt, hat ein 10-fach höheres Risiko, an einer Überdosis zu sterben, als jemand, der nur Opioid nimmt. Das hat eine Studie in JAMA Internal Medicine 2016 gezeigt. Und das, obwohl beide Medikamente einzeln legal verschrieben werden.

Ein Patient im Bett, dessen Atem von zwei Pillen-Schatten erstickt wird, in cartoonhafter Illustration.

Was sagt die Medizin dazu?

Die American Society of Anesthesiologists sagt klar: Diese Kombination sollte immer vermieden werden. Die Food and Drug Administration (FDA) hat 2016 eine Black Box Warning eingeführt - die strengste Warnung, die es gibt. Sie steht direkt auf der Packungsbeilage: „Kombinierte Anwendung kann zu schwerer Atemdepression, Koma und Tod führen.“

Dr. Nora Volkow, Direktorin des National Institute on Drug Abuse, sagte 2017 vor dem US-Senat: „Beide Medikamente unterdrücken die Atmung. Zusammen können sie tödlich sein.“

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie haben ähnliche Leitlinien veröffentlicht. Sie empfehlen: Wenn möglich, Benzodiazepine durch andere Mittel ersetzen - etwa Buspiron für Angst oder SSRI wie Sertralin für Depression und Angst. Für Schlafprobleme gibt es nicht-suchterzeugende Alternativen wie Trazodon oder Melatonin.

Was passiert, wenn jemand eine Überdosis bekommt?

Naloxon, das Medikament, das bei Opioid-Überdosen Leben rettet, wirkt nur gegen Opioid. Es hat keine Wirkung auf Benzodiazepin. Das bedeutet: Ein Mensch, der Fentanyl und Alprazolam eingenommen hat, kann mit Naloxon wieder zu Atem kommen - aber nur für eine Weile. Wenn das Benzodiazepin noch im Körper ist, fällt er erneut in Atemstillstand, sobald Naloxon abgebaut ist.

Das ist ein riesiges Problem. Rettungsdienste und Notärzte müssen jetzt nicht nur Naloxon geben - sie müssen auch mit intensiver Beatmung und langem Monitoring reagieren. Die Überlebenschance sinkt, wenn die Behandlung nicht sofort und lang genug erfolgt.

Wissenschaftler forschen an neuen Lösungen. Ein Experiment mit dem Wirkstoff CX1739 zeigte, dass er bei Mäusen die Atemfunktion nach einer Kombinationsüberdosis komplett wiederherstellen konnte. Doch das ist noch nicht für Menschen zugelassen. Bis dahin bleibt Naloxon das einzige Mittel - und es ist unzureichend.

Ein Notarztteam kämpft gegen Atemstillstand, während zwei Wirkmechanismen das Atmen blockieren.

Wie kann man das Risiko reduzieren?

Es gibt klare Schritte, die Ärzte und Patienten ergreifen können:

  1. Vermeiden Sie die Kombination, wenn möglich. Fragt sich: Brauche ich wirklich beide Medikamente? Gibt es Alternativen?
  2. Wenn unbedingt nötig: Minimale Dosen, kürzeste Dauer. Keine Langzeittherapie mit beiden. Keine „auf Nummer sicher gehen“-Dosen.
  3. PDMP nutzen. In vielen Ländern, auch in Deutschland, gibt es Apotheken- und Verschreibungs-Überwachungssysteme. Sie warnen Ärzte, wenn jemand bereits Benzodiazepin und Opioid bekommt.
  4. Informieren Sie Patienten. Nicht nur schriftlich - persönlich. „Wenn Sie beide nehmen, können Sie im Schlaf aufhören zu atmen. Das passiert ohne Warnung.“
  5. Naloxon bereithalten. Wer Opioid nimmt - besonders mit anderen Sedativa - sollte Naloxon zu Hause haben. Und Angehörige müssen wissen, wie man es anwendet.

Seit der FDA-Warnung 2016 ist die Anzahl der gleichzeitigen Verschreibungen in den USA um 14,5 % gesunken. Aber noch immer nehmen 8,7 % der Menschen, die langfristig Opioid bekommen, auch Benzodiazepin - und das, obwohl die Risiken bekannt sind.

Was kommt als Nächstes?

Die NIH HEAL Initiative hat 15,7 Millionen Dollar für Forschung zu Atemdepression durch Kombinationsdrogen bereitgestellt. Ziel: Bessere Reversal-Medikamente, intelligente Überwachungssysteme, sogar künstliche Atemstimulatoren, die bei Atemstillstand automatisch einschalten.

Aber bis dahin: Die Zahl der Todesfälle bleibt hoch. Die CDC prognostiziert bis 2025 weitere 12.000 bis 15.000 Todesfälle pro Jahr durch diese Kombination - in den USA. In Deutschland ist die Lage ähnlich, wenn auch weniger dramatisch. Doch die Tendenz ist klar: steigend.

Es geht nicht um moralische Urteile. Es geht um Biologie. Um Gehirn, um Nervenzellen, um Rezeptoren. Und um die einfache Tatsache: Zwei Medikamente, die einzeln sicher sind, können zusammen tödlich sein. Und das wissen viele nicht.

Kann man Benzodiazepine und Opioid zusammennehmen, wenn man sie von einem Arzt bekommt?

Selbst wenn ein Arzt beide Medikamente verschreibt, bleibt das Risiko hoch. Ärzte verschreiben sie oft aus Unwissenheit oder weil sie glauben, die Patienten bräuchten beide. Die Leitlinien sagen klar: Vermeiden Sie die Kombination. Wenn es absolut notwendig ist, dann nur mit minimalen Dosen, kurzer Dauer und engem Monitoring. Keine Langzeittherapie. Keine Selbstmedikation.

Warum hilft Naloxon nicht immer bei einer Überdosis mit beiden Medikamenten?

Naloxon blockiert nur die Opioid-Rezeptoren. Es hat keine Wirkung auf die GABA-Rezeptoren, die von Benzodiazepinen beeinflusst werden. Deshalb kann jemand nach Naloxon-Gabe wieder atmen - aber wenn das Benzodiazepin noch wirkt, fällt er erneut in Atemstillstand. Das ist ein kritischer Grund, warum die Behandlung von Kombinationsüberdosen länger und intensiver sein muss.

Gibt es sichere Alternativen zu Benzodiazepinen bei Schmerzpatienten mit Angst?

Ja. Für Angstzustände können SSRI wie Sertralin, Escitalopram oder Buspiron eingesetzt werden - sie sind nicht suchterzeugend und haben keine Atemdepressiv-Wirkung. Für Schlafstörungen gibt es Trazodon oder Melatonin. Für Muskelkrämpfe sind Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin oft besser geeignet als Benzodiazepine. Die Behandlung sollte immer individuell abgestimmt werden.

Welche Rolle spielen Apotheken bei der Vermeidung dieser Kombination?

Apotheken in Deutschland nutzen das Patientenmedikationsplan-System und können über elektronische Systeme erkennen, wenn ein Patient gleichzeitig Opioid und Benzodiazepin erhält. Viele Apotheken warnen dann den Patienten oder kontaktieren den Arzt. In einigen Bundesländern gibt es auch automatische Warnungen im Verschreibungssystem. Das ist ein wichtiger Schutz, aber nicht überall flächendeckend implementiert.

Wie kann ich als Angehöriger helfen, wenn jemand Opioid und Benzodiazepin nimmt?

Lernen Sie, wie Naloxon funktioniert - und halten Sie es bereit. Achten Sie auf Anzeichen: extreme Schläfrigkeit, unregelmäßige Atmung, blasse Haut, nicht ansprechbar. Rufen Sie sofort den Notruf. Sagen Sie klar: „Er/sie nimmt Opioid und ein Beruhigungsmittel.“ Das hilft den Rettungskräften. Reden Sie offen über das Risiko - ohne Vorwürfe. Viele wissen nicht, wie gefährlich diese Kombination ist.

Geschrieben von:
Sabine Grünwald
Sabine Grünwald

Kommentare (10)

  1. Tora Jane
    Tora Jane 22 Januar 2026

    Ich hab mal einen Freund verloren, der genau das gemacht hat - Schmerzmittel und Beruhigungstabletten, weil er einfach nicht mehr schlafen konnte. Keine Ahnung, dass das so tödlich sein kann. Ich wünschte, das hätte jemand mir früher gesagt.
    Jetzt erzähle ich jedem, der Stress hat: Frag deinen Arzt nach Alternativen. Nicht nur wegen der Sucht - wegen der Atmung.

  2. Jorid Kristensen
    Jorid Kristensen 23 Januar 2026

    Typisch deutsche Medizin - verschreibt alles und denkt, das ist 'sicher'.
    Kein Wunder, dass wir die höchste Überdosisrate in Europa haben. Benzodiazepine sind kein Kaffeeersatz, und Opioid ist kein 'leichtes Schmerzmittel'.
    Das ist ein medizinisches Massaker - und die Ärzte gucken zu.

  3. Ivar Leon Menger
    Ivar Leon Menger 23 Januar 2026

    ich hab letztens ne studie gelesen wo das mit dem naloxon erklärt wird aber ich hab das nicht ganz verstanden also wenn man beides nimmt und dann naloxon kriegt dann atmet man wieder aber nur kurz weil das andere noch wirkt und dann stirbt man trotzdem??
    das ist ja wahnsinnig
    warum gibt es kein gegenmittel für benzodiazepine??

  4. Kari Gross
    Kari Gross 24 Januar 2026

    Die medizinischen Leitlinien sind klar. Die Kombination ist kontraindiziert. Jeder Arzt, der dies verschreibt, handelt gegen die evidenzbasierte Medizin.
    Es ist keine Frage der Absicht. Es ist eine Frage der Verantwortung.
    Wer diese Kombination verschreibt, trägt die Verantwortung für mögliche Todesfälle.

  5. Nina Kolbjørnsen
    Nina Kolbjørnsen 26 Januar 2026

    Ich hab meine Mama vor zwei Jahren gerettet - sie hat Oxycodon wegen Rückenschmerzen und Diazepam wegen Angst genommen. Hatte keine Ahnung, dass das so gefährlich ist.
    Jetzt hab ich ihr Naloxon in die Hand gedrückt und sie gelehrt, wie man es benutzt. Und ich hab sie überredet, auf Sertralin umzusteigen.
    Es ist nicht perfekt - aber es ist sicherer. Und sie atmet noch. 🙏

  6. Thea Nilsson
    Thea Nilsson 27 Januar 2026

    also ich find es krass dass die leute das nicht wissen
    ich hab ne freundin die nimmt alprazolam und tramadol und sagt es sei doch alles legal
    und ich hab ihr das hier hingelegt
    jetzt weint sie und fragt ob sie aufhören soll
    ich hab gesagt: frag deinen arzt. aber machs nicht alleine.

  7. Øyvind Skjervold
    Øyvind Skjervold 27 Januar 2026

    Es ist wichtig, zwischen medizinischer Notwendigkeit und routinemäßiger Verschreibung zu unterscheiden.
    Ein Patient mit terminaler Krebserkrankung und schwerer Angst - das ist ein anderer Fall als jemand mit chronischem Rückenschmerz und leichter Schlafstörung.
    Die Leitlinien sagen: Vermeiden. Aber wenn es unvermeidbar ist - dann mit Monitoring, mit Naloxon, mit Aufklärung.
    Es geht nicht um Angst, sondern um Verantwortung.

  8. jan erik io
    jan erik io 28 Januar 2026

    Die synergistische Wirkung von GABA-Modulatoren und Mu-Opioid-Agonisten auf den preBötzinger-Komplex ist ein klassisches Beispiel für nichtlineare Pharmakodynamik.
    Die klinische Relevanz ist enorm - aber die Kommunikation in der Praxis ist katastrophal.
    Die Patienten bekommen keine schriftliche Warnung, keine mündliche Aufklärung, keine Follow-up-Protokolle.
    Das ist kein medizinisches Problem - das ist ein Systemversagen.

  9. Renate Håvik Aarra
    Renate Håvik Aarra 29 Januar 2026

    Wer Benzodiazepine und Opioid zusammen nimmt, hat keine Ahnung von Neuropharmakologie - oder er ist ein Drogenabhängiger. Es gibt keine andere Erklärung.
    Ärzte sollten diese Patienten nicht behandeln - sie sollten sie an die Suchtberatung verweisen.
    Und wenn sie sterben? Dann ist das ihre eigene Schuld.

  10. Inger Karin Lie
    Inger Karin Lie 30 Januar 2026

    ich hab das gelesen und hab direkt meinen oma angerufen… sie nimmt seit 10 jahren diazepam und tramadol… ich hab gesagt: „oma, ich liebe dich, aber das kann so nicht weitergehen“ 😭
    heute hat sie mit ihrem arzt gesprochen und jetzt probiert sie trazodon…
    es ist ein anfang. und das zählt. 🌱

Schreibe einen Kommentar

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail
Bitte überprüfen Sie Ihre Nachricht
Danke schön. Ihre Nachricht wurde gesendet.
Fehler, E-Mail nicht gesendet