NSAIDs - nichtsteroidale Antirheumatika - sind eine der am häufigsten verwendeten Schmerzmittel-Gruppen weltweit. Jeder dritte Erwachsene in den USA nimmt sie mindestens einmal pro Woche ein. Doch hinter der einfachen Tablette verbirgt sich ein komplexes Risikoprofil, das viele Patienten und sogar Ärzte unterschätzen. Die meisten Menschen denken, dass Ibuprofen oder Naproxen harmlos sind, weil sie rezeptfrei erhältlich sind. Doch das ist ein gefährlicher Irrtum. NSAIDs können Magengeschwüre, Nierenschäden und sogar blutende Darmläsionen verursachen - oft ohne Vorwarnung.
Wie NSAIDs den Magen schädigen
NSAIDs hemmen zwei Enzyme: COX-1 und COX-2. COX-2 ist für Entzündungen und Schmerz verantwortlich - das ist der gewünschte Effekt. COX-1 hingegen produziert Prostaglandine, die die Magenschleimhaut schützen. Diese Schutzschicht verhindert, dass Magensäure das Gewebe angreift. Wenn COX-1 blockiert wird, wird die Schleimhaut dünn und anfällig. Das Ergebnis? Eine Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür, manchmal mit lebensgefährlicher Blutung. Die Zahlen sind erschreckend: Jedes Jahr werden in den USA über 107.000 Menschen wegen NSAID-bedingter Magen-Darm-Komplikationen ins Krankenhaus eingeliefert. 16.500 sterben daran. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Bis zu 50 % der Langzeitanwender entwickeln sichtbare Schäden an der Magenschleimhaut, die oft asymptomatisch bleiben. Das heißt: Sie spüren nichts - bis es zu spät ist. Eine Blutung kann sich langsam verstecken, bis sie zu Eisenmangelanämie führt. Oder sie tritt plötzlich mit schwarzen, teerartigen Stühlen auf - ein klassisches Zeichen für innere Blutung.Die Nieren: Der unsichtbare Angreifer
Nieren sind oft die ersten Opfer, die niemand bemerkt. NSAIDs blockieren Prostaglandine, die normalerweise die Blutgefäße in den Nieren weiten. Ohne diese Wirkung sinkt die Durchblutung der Nieren, besonders bei Dehydrierung, Herzinsuffizienz oder bestehender Nierenschwäche. Das führt zu akutem Nierenversagen - in bis zu 5 % der Fälle. Bei älteren Menschen über 65 ist das Risiko noch höher. Langfristig kann es zu interstitieller Nephritis kommen, einer Entzündung des Nierengewebes, oder sogar zur Papillennekrose, bei der Teile der Nierenzapfen absterben. Diese Schäden sind oft reversibel, wenn man früh genug aufhört. Aber viele Patienten nehmen NSAIDs monatelang oder jahrelang ein, ohne je eine Blutuntersuchung zu machen. Die FDA empfiehlt daher, die Kreatininwerte innerhalb von 30 Tagen nach Beginn der Einnahme zu prüfen und danach alle 3-6 Monate. Wer das ignoriert, riskiert irreversible Schäden.Welche NSAIDs sind am gefährlichsten?
Nicht alle NSAIDs sind gleich. Eine Metaanalyse aus 2023 zeigt: Naproxen erhöht das Risiko für Magenblutungen um das 4,2-Fache, Celecoxib nur um das 1,9-Fache. Warum? Weil Celecoxib gezielt COX-2 hemmt und COX-1 weitgehend verschont. Doch das hat einen Haken: Celecoxib erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle - besonders bei Patienten mit bestehender Herzkrankheit. Ibuprofen ist besonders problematisch, weil es oft in hohen Dosen und über lange Zeit eingenommen wird. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat 2022 festgestellt, dass Ibuprofen das Risiko für Magenblutungen mehr als zweieinhalbmal höher ist als bei Celecoxib. Und während viele Patienten denken, dass „rezeptfreies“ bedeutet „sicher“, ist das nicht der Fall. OTC-Ibuprofen in 400-mg-Dosen ist in der Langzeitanwendung genauso riskant wie verschreibungspflichtige Formen.
Wie man Risiken reduziert - und was nicht hilft
Die einfachste Lösung? Gar nicht erst anfangen. Wenn möglich, nehmen Sie andere Schmerzmittel wie Paracetamol. Wenn nicht, dann: die niedrigste wirksame Dosis für die kürzeste Zeit. Jede zusätzliche Woche NSAID-Einnahme erhöht das Risiko für Komplikationen um 3-5 %. Das ist kein theoretisches Risiko - das ist eine messbare, lineare Beziehung. Protonenpumpenhemmer (PPI) wie Omeprazol werden oft als Schutzmittel verschrieben. Und ja, sie reduzieren Magengeschwüre um 70-90 %. Aber sie schützen nicht vor Darmblutungen. Und sie haben ihre eigenen Nebenwirkungen: Eine Studie aus 2022 zeigte, dass die Kombination aus NSAID und PPI das Risiko für mikroskopische Kolitis um das 6,24-Fache erhöht - eine Entzündung des Dickdarms, die zu chronischem Durchfall führt. Noch gefährlicher ist die Kombination mit Antikoagulanzien wie Warfarin oder ASS. Diese Patienten haben ein 3,38-fach höheres Risiko für schwere Blutungen. Dasselbe gilt für Antidepressiva der SSRI-Gruppe. Wer beide nimmt, sollte dringend eine Alternative prüfen.Wer sollte gar nicht erst NSAIDs nehmen?
Ein einfaches Risikoscore-System der American College of Gastroenterology hilft, Hochrisikopatienten zu identifizieren:- Alter über 65 Jahre: +2 Punkte
- Vorgeschichte von Magengeschwür: +3 Punkte
- Einnahme von Blutverdünnern (z. B. Warfarin): +2 Punkte
- Einnahme von Kortikosteroiden: +1 Punkt
Was man messen und überwachen muss
Regelmäßige Kontrollen retten Leben. Hier ist der Mindeststandard:- Kreatinin und Harnstoff: Innerhalb von 30 Tagen nach Beginn der Einnahme, dann alle 3-6 Monate.
- Vollblutbild: Nach 3 Monaten, um auf versteckte Blutung (niedrige Hämoglobinwerte) zu prüfen.
- Fäkalokkulttest: Alle 6 Monate bei Hochrisikopatienten - besonders wenn sie über 65 sind oder eine Vorgeschichte haben.
- Blutdruckkontrolle: NSAIDs können den Blutdruck erhöhen - besonders bei bestehender Hypertonie.