HPV-Infektionen sind weit verbreitet - fast jeder Mensch erlebt im Laufe des Lebens mindestens eine Infektion mit dem menschlichen Papillomavirus. Die meisten verlaufen ungefährlich und verschwinden von selbst. Doch einige Typen, besonders HPV 16 und 18, können über Jahre hinweg zu Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs führen - und wenn sie nicht erkannt werden, zu einem lebensbedrohlichen Krebs. Die gute Nachricht: Wir haben heute Werkzeuge, die diesen Krebs fast vollständig verhindern können. Durch eine Kombination aus Impfung, regelmäßiger Früherkennung und konsequenter Behandlung von Vorstufen ist Zervixkarzinom heute eine der am besten vermeidbaren Krebsarten weltweit.
Was ist HPV und warum ist es gefährlich?
HPV steht für Humanes Papillomavirus - eine Gruppe von mehr als 200 verschiedenen Viren. Etwa 40 davon infizieren die Genitalien. Die meisten verursachen harmlose Warzen oder bleiben völlig symptomlos. Doch 14 Typen gelten als hochriskant, weil sie Krebs auslösen können. HPV 16 und 18 sind die gefährlichsten: Sie sind für rund 70 % aller Gebärmutterhalskrebsfälle verantwortlich. Doch sie sind nicht die einzige Bedrohung. Auch HPV 31, 33, 45, 52 und 58 tragen zur Entstehung von Krebs in Anus, Rachen, Penis oder Vulva bei.
Der entscheidende Faktor ist nicht die Infektion selbst, sondern ihre Dauer. Eine temporäre Infektion wird vom Immunsystem meist innerhalb von 1-2 Jahren beseitigt. Werden die Viren jedoch über viele Jahre hinweg nicht abgewehrt, können sie die Zellen des Gebärmutterhalses verändern. Diese Veränderungen beginnen als leichte Vorstufen (CIN 1), können sich zu schwereren (CIN 2/3) entwickeln und schließlich, nach 10-20 Jahren, zu invasivem Krebs werden. Das ist der Grund, warum regelmäßiges Screening so wichtig ist - es findet diese Veränderungen, bevor sie gefährlich werden.
Die HPV-Impfung: Der beste Schutz beginnt in der Jugend
Die HPV-Impfung ist der effektivste Weg, um Krebs durch HPV zu verhindern. Sie schützt vor den Krebs verursachenden Typen - vor allem 16 und 18 - sowie vor den Typen, die Warzen verursachen (6 und 11). Die aktuellen Impfstoffe (Gardasil 9 und Cervarix) decken bis zu neun HPV-Typen ab. In Deutschland wird die Impfung seit 2007 empfohlen, seit 2018 für Jungen und Mädchen ab 9 Jahren. Die beste Wirkung erzielt sie, wenn sie vor dem ersten sexuellen Kontakt verabreicht wird - idealerweise zwischen 9 und 14 Jahren.
Bei Impfung in diesem Alter reichen zwei Dosen aus, im Abstand von mindestens sechs Monaten. Ab 15 Jahren wird eine dreifache Impfserie benötigt. Studien zeigen: Wer sich vor dem 17. Lebensjahr impfen lässt, hat ein um bis zu 90 % geringeres Risiko, später an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. In Ländern mit hohen Impfquoten, wie Schweden oder Australien, ist die Zahl der schweren Vorstufen bei jungen Frauen bereits um mehr als 80 % zurückgegangen.
Es ist ein häufiger Irrtum, dass Impfung bedeutet, kein Screening mehr nötig zu sein. Das stimmt nicht. Auch Geimpfte brauchen regelmäßige Untersuchungen - denn der Impfstoff schützt nicht vor allen Krebs-verursachenden HPV-Typen, und niemand ist zu 100 % geschützt. Impfung und Screening ergänzen sich.
Screening: Von der Pap-Abstrich zur HPV-Tests
Früher war der Pap-Abstrich die einzige Methode zur Früherkennung. Dabei wird Zellmaterial vom Gebärmutterhals entnommen und unter dem Mikroskop auf abnorme Zellen untersucht. Doch diese Methode hat Grenzen: Sie ist nur zu etwa 55 % sensitiv - das heißt, sie erkennt nicht jede Vorstufe. Seit 2020 hat sich das Bild grundlegend verändert: Die HPV-Tests sind jetzt die bevorzugte Methode.
Heute wird primär auf HPV-DNA getestet - also direkt nach dem Virus gesucht, nicht nach den Folgen. Der Test erkennt 14 hochriskante HPV-Typen, darunter 16 und 18. Zwei Tests sind in Deutschland und den USA zugelassen: der cobas HPV-Test von Roche und der Aptima HPV-Assay von Hologic. Beide sind zuverlässig, mit einer Sensitivität von über 94 % - deutlich höher als beim Pap-Test.
Die Empfehlungen sind klar: Ab 25 Jahren sollte alle fünf Jahre ein HPV-Test durchgeführt werden. Das ist sicherer als der alle drei Jahre wiederholte Pap-Test. Warum? Weil ein negativer HPV-Test eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für eine schwerwiegende Vorstufe in den nächsten Jahren bedeutet. Eine Studie aus dem Journal of the National Cancer Institute zeigte: Frauen mit negativem HPV-Test hatten ein Risiko von nur 0,23 %, innerhalb von fünf Jahren eine CIN3-Läsion zu entwickeln - bei Pap-Test lag es bei 0,51 %.
Was passiert, wenn der HPV-Test positiv ist?
Ein positiver HPV-Test ist kein Krebsdiagnose - er ist ein Warnsignal. In den meisten Fällen ist die Infektion noch harmlos und wird vom Körper überwunden. Deshalb wird nicht sofort eine Biopsie gemacht. Stattdessen folgt eine sogenannte Reflexdiagnostik: Wenn HPV 16 oder 18 nachgewiesen werden, wird sofort eine Kolposkopie (Vergrößerung des Gebärmutterhalses) empfohlen. Bei anderen hochriskanten Typen wird ein zusätzlicher Pap-Abstrich (Zytologie) durchgeführt. Nur wenn beide Tests auffällig sind, folgt eine Gewebeprobe.
Diese Strategie reduziert unnötige Eingriffe. Eine Studie von Kaiser Permanente aus Januar 2024 zeigt: Wenn man HPV-Test und nur bei Bedarf Pap-Test kombiniert, sinkt die Zahl der unnötigen Kolposkopien um bis zu 30 % im Vergleich zur alten Methode, bei der beide Tests gleichzeitig gemacht wurden.
Selbstabstrich: Ein Durchbruch für unversorgte Frauen
Einer der größten Hürden bei der Krebsprävention ist der Zugang. Viele Frauen lassen sich nicht untersuchen - aus Scham, Angst, Zeitmangel oder weil es in ihrer Region keine günstigen Angebote gibt. Hier kommt der Selbstabstrich ins Spiel. Seit Anfang 2024 empfehlen führende Gesundheitsorganisationen wie Kaiser Permanente auch Selbstabstriche für HPV-Tests - und zwar für Frauen zwischen 30 und 64 Jahren.
Die Frau nimmt selbst mit einem speziellen Wattestäbchen eine Probe aus der Vagina. Die Sensitivität liegt bei 84,4 %, die Spezifität bei 90,7 % - fast so gut wie beim Arztbesuch. In Australien und den Niederlanden stieg die Teilnahmequote bei unversorgten Frauen um 30-40 %, sobald Selbstabstriche angeboten wurden. In Deutschland ist diese Methode noch nicht flächendeckend etabliert, aber sie wird in Pilotprojekten getestet. Die WHO hält Selbstabstriche für einen Schlüssel zur globalen Eliminierung von Gebärmutterhalskrebs - besonders in Ländern mit wenig medizinischer Infrastruktur.
Warum ist Screening auch nach Impfung notwendig?
Viele denken: Ich bin geimpft, also brauche ich keine Untersuchung mehr. Das ist falsch. Der Impfstoff schützt nicht vor allen HPV-Typen, die Krebs verursachen. Außerdem ist die Impfung nicht 100 % wirksam - und es gibt Menschen, die nie geimpft wurden oder zu spät. Auch wenn die Impfquote in Deutschland bei Mädchen bei etwa 60 % liegt, ist sie bei Jungen noch deutlich niedriger. Das bedeutet: HPV zirkuliert weiter.
Die CDC und die American Cancer Society betonen deshalb klar: Geimpfte Frauen werden genauso untersucht wie ungeimpfte. Wer denkt, er sei durch die Impfung „sicher“, läuft Gefahr, eine Vorstufe zu übersehen. Die Kombination aus Impfung und Screening ist der einzige Weg, um Zervixkarzinom wirklich zu eliminieren.
Wie sieht die Zukunft aus?
Die Medizin geht weiter. Künstliche Intelligenz wird jetzt schon in der Zytologie eingesetzt: Das FDA-zugelassene System Paige.AI analysiert Pap-Abstriche mit einer Genauigkeit, die menschliche Pathologen erreichen - und manchmal übertreffen kann. In Zukunft könnte KI helfen, Abstriche schneller und kostengünstiger auszuwerten.
Auch die Screening-Intervalle könnten sich verlängern. Eine Studie der AACR aus 2023 zeigte: Nach zwei negativen HPV-Tests in fünf Jahren ist das Risiko für CIN3+ so niedrig, dass ein Abstand von sechs Jahren möglicherweise sicher wäre. Das würde die Belastung für Frauen und das Gesundheitssystem reduzieren.
Weltweit arbeitet die WHO an einem ehrgeizigen Ziel: Bis 2030 soll 90 % der Mädchen bis 15 Jahre geimpft sein, 70 % der Frauen zwischen 35 und 45 Jahren zweimal mit einem hochwertigen Test untersucht werden, und 90 % der erkannten Fälle behandelt werden. Wenn diese Ziele erreicht werden, könnte die Welt bis 2050 Gebärmutterhalskrebs als öffentliches Gesundheitsproblem eliminieren - das heißt: weniger als 4 Fälle pro 100.000 Frauen pro Jahr.
Doch es gibt noch große Ungleichheiten. In Ländern mit niedrigem Einkommen sind nur 19 % der Frauen jemals untersucht worden - in Deutschland oder den USA sind es über 80 %. Und selbst hier: Schwarze Frauen in den USA sterben mit 70 % höherer Rate an Gebärmutterhalskrebs als weiße Frauen. Das liegt an ungleichem Zugang, fehlender Aufklärung und strukturellen Barrieren.
Was Sie jetzt tun können
- Wenn Sie zwischen 9 und 14 Jahren alt sind: Lassen Sie sich impfen - zwei Dosen reichen.
- Wenn Sie zwischen 15 und 26 Jahren alt sind: Machen Sie die Impfung nach, auch wenn Sie schon sexuell aktiv sind - sie schützt noch vor anderen Typen.
- Wenn Sie 25 Jahre oder älter sind: Lassen Sie sich alle fünf Jahre auf HPV testen - nicht alle drei Jahre auf Pap-Abstrich.
- Wenn Sie Angst vor der Untersuchung haben: Fragen Sie nach einem Selbstabstrich - er ist sicher und wirksam.
- Wenn Sie geimpft sind: Vergessen Sie nicht, weiterhin zu screenen. Impfung ist kein Freifahrtschein.
HPV ist kein Schicksal. Es ist eine Krankheit, die wir mit einfachen, bewährten Mitteln fast vollständig verhindern können. Die Technologie ist da. Die Empfehlungen sind klar. Was fehlt, ist der Mut, sie zu nutzen - und die Bereitschaft, sich nicht nur einmal, sondern regelmäßig untersuchen zu lassen.
Kann ich mich auch nach der Menopause noch auf HPV testen lassen?
Ja, und das sollten Sie. Die Empfehlung gilt bis zum 65. Lebensjahr. Selbst nach der Menopause kann sich eine HPV-Infektion, die seit Jahren latent war, wieder aktivieren und zu Vorstufen führen. Wer bis 65 regelmäßig screenen lässt, reduziert sein Risiko auf nahezu null. Ab 65 Jahren kann man aufhören, wenn man in den letzten 10 Jahren mindestens zwei negative HPV-Tests hatte und keine vorangegangenen schwerwiegenden Läsionen.
Ist der HPV-Test schmerzhaft?
Der Abstrich ist nicht schmerzhaft, aber unangenehm - ähnlich wie ein Pap-Test. Die meisten Frauen beschreiben es als leichtes Drücken oder ein kurzes Kribbeln. Der Selbstabstrich ist für viele angenehmer, weil er zu Hause und ohne Arztbesuch durchgeführt werden kann. Die Probe wird einfach mit einem Wattestäbchen aus der Vagina entnommen - wie beim Tampon.
Warum wird bei jungen Frauen unter 25 nicht regelmäßig auf HPV getestet?
Bei Frauen unter 25 ist HPV-Infektion sehr häufig - aber fast immer vorübergehend. Die Zellen des Gebärmutterhalses sind in diesem Alter noch sehr empfindlich und verändern sich leicht. Ein positives Ergebnis würde daher oft zu unnötigen Folgeuntersuchungen führen, ohne dass ein echtes Krebsrisiko besteht. Deshalb wird ab 21 Jahren nur der Pap-Test empfohlen - er erkennt bereits auffällige Zellen, ohne zu viele falsch-positive Ergebnisse zu liefern.
Kann HPV auch durch Kondome verhindert werden?
Kondome reduzieren das Risiko, aber sie schützen nicht vollständig. HPV wird durch Haut-zu-Haut-Kontakt übertragen - auch an Stellen, die nicht von einem Kondom bedeckt sind. Deshalb ist Impfung die einzige zuverlässige Vorbeugung. Kondome sind trotzdem wichtig, um andere sexuell übertragbare Infektionen wie HIV oder Chlamydien zu verhindern.
Wie lange hält die HPV-Impfung an?
Studien zeigen, dass der Schutz mindestens 15 Jahre anhält - und wahrscheinlich viel länger. Bis heute gibt es keinen Hinweis darauf, dass eine Auffrischung nötig ist. Die Weltgesundheitsorganisation und die CDC empfehlen daher keine Nachimpfung. Wer sich als Jugendlicher impfen ließ, ist langfristig geschützt - solange er weiterhin regelmäßig screenen lässt.