3 Januar 2026

SGLT2-Hemmer bei Typ-2-Diabetes: Nutzen und Risiken im Überblick

SGLT2-Hemmer bei Typ-2-Diabetes: Nutzen und Risiken im Überblick

Wenn Sie an Typ-2-Diabetes leiden, haben Sie vielleicht schon von SGLT2-Hemmern gehört - Medikamente wie Jardiance, Farxiga, Invokana oder Steglatro. Sie werden nicht mehr nur als letzte Option verschrieben, sondern oft als erste Wahl, besonders wenn Sie auch Herz- oder Nierenprobleme haben. Warum? Weil sie nicht nur den Blutzucker senken, sondern auch Ihr Herz und Ihre Nieren schützen - und das mit einem geringen Risiko für Unterzuckerung. Doch diese Vorteile haben auch eine Kehrseite: Infektionen, Dehydrierung und seltene, aber ernste Komplikationen können auftreten. Was wirklich dahintersteckt, und wer davon am meisten profitiert, erklären wir hier klar und ohne Mediziner-Jargon.

Wie funktionieren SGLT2-Hemmer?

Anders als die meisten Diabetes-Medikamente wirken SGLT2-Hemmer nicht in der Bauchspeicheldrüse oder im Fettgewebe. Sie greifen direkt in die Nieren ein. Dort blockieren sie ein Transportprotein namens SGLT2, das normalerweise Zucker aus dem Urin zurück ins Blut pumpt. Wenn es blockiert ist, wird der überschüssige Zucker einfach mit dem Urin ausgeschieden - bis zu 70 Gramm pro Tag. Das senkt den Blutzucker, ohne dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin produzieren muss. Das ist der Grund, warum Unterzuckerungen selten sind. Gleichzeitig verlieren Sie Kalorien - und damit Gewicht. Viele Patienten verlieren 2 bis 3 Kilogramm in den ersten drei Monaten, ohne Diät zu machen.

Durch den Zuckerverlust wird auch das Blut dünner und der Blutdruck sinkt um 3 bis 5 mmHg. Diese Effekte sind nicht zufällig. Sie sind der Schlüssel zu den größten Vorteilen dieser Medikamente: Herz- und Nierenschutz.

Was bringen SGLT2-Hemmer wirklich?

Die größte Überraschung kam nicht aus der Diabetes-Forschung, sondern aus der Herzmedizin. In großen Studien mit mehr als 60.000 Patienten zeigte sich: Wer ein SGLT2-Hemmer einnahm, hatte deutlich weniger Herzschwäche-Notfälle und starb seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz - egal ob mit Diabetes oder nicht - sank das Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen Herzschwäche um 30 bis 35 %. Ein Patient mit Herzschwäche und Typ-2-Diabetes, der Jardiance nahm, berichtete: „Meine Herzpumpleistung stieg von 28 % auf 42 % in 18 Monaten. Ich war zum ersten Mal seit Jahren ohne Krankenhausaufenthalt.“

Bei Nierenproblemen ist der Effekt noch beeindruckender. Die CREDENCE-Studie mit Canagliflozin zeigte: Das Risiko für Nierenversagen, Verdopplung des Kreatinins oder Nierentod sank um 30 %. Die EMPA-KIDNEY-Studie mit Empagliflozin ergab sogar eine 28 %ige Reduktion bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung - selbst wenn sie keinen Diabetes hatten. Deshalb genehmigte die FDA im Oktober 2023 Farxiga auch für Nicht-Diabetiker mit Nierenschwäche. Das ist eine Revolution: Ein Diabetes-Medikament, das nun auch Menschen ohne Diabetes helfen kann.

Wann sind SGLT2-Hemmer die beste Wahl?

Die Leitlinien der American Diabetes Association und der Europäischen Gesellschaft für Diabetologie empfehlen SGLT2-Hemmer jetzt als erste Wahl für Patienten mit:

  • Typ-2-Diabetes und Herzinsuffizienz (auch ohne Diabetes)
  • Typ-2-Diabetes und chronische Nierenerkrankung
  • Typ-2-Diabetes und erhöhtes Herzinfarktrisiko

Wenn Sie keine dieser Erkrankungen haben, aber Übergewicht und hohen Blutzucker, kann es trotzdem sinnvoll sein - besonders wenn Sie Gewicht verlieren wollen und keine Unterzuckerung riskieren möchten. Aber: Der Nutzen ist kleiner. Ein Patient ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung muss fünf Jahre lang das Medikament nehmen, damit ein einziger schwerer Herzinfarkt verhindert wird. Bei jemandem mit vorherigem Infarkt reicht es, 17 Patienten zu behandeln. Das macht die Kosten-Nutzen-Rechnung wichtig.

Zwei Szenen: eine mit Warnsymbolen am Fuß, eine mit gesundem Herzen und Gewichtsverlust, symbolisierend Risiko und Nutzen.

Welche Risiken gibt es?

Die Vorteile sind groß - aber die Risiken dürfen nicht ignoriert werden. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:

  • Genitale Pilzinfektionen: Bis zu 11 % der Frauen und 6 % der Männer bekommen Juckreiz oder Entzündungen. Das liegt daran, dass Zucker im Urin Pilzen Nahrung gibt. Es ist nicht gefährlich, aber lästig - und viele hören deshalb auf, das Medikament zu nehmen.
  • Harnwegsinfekte: Etwa 5-9 % der Patienten bekommen Blasenentzündungen. Meist sind sie harmlos, aber bei älteren Menschen oder Diabetes-Patienten mit Nierenschwäche können sie schwerer verlaufen.
  • Dehydrierung und niedriger Blutdruck: Durch den Zucker- und Flüssigkeitsverlust können Sie schwindelig werden, besonders wenn Sie Diuretika nehmen, älter sind oder bei Hitze viel schwitzen. Ärzte empfehlen, viel Wasser zu trinken und die Dosis bei starkem Durchfall, Erbrechen oder Infektionen vorübergehend abzusetzen.
  • Euglykämische Diabetische Ketoazidose (euDKA): Das ist selten - nur 0,1-0,3 % der Patienten - aber lebensbedrohlich. Normalerweise sinkt der Blutzucker bei Ketoazidose stark. Bei SGLT2-Hemmern bleibt er oft normal, weil das Medikament den Zucker aus dem Urin spült. Deshalb wird die Ketoazidose erst spät erkannt. Symptome: Übelkeit, Bauchschmerzen, Müdigkeit, Atembeschwerden. Besonders gefährdet sind Patienten während einer Infektion, nach Operationen oder wenn sie zu wenig Kohlenhydrate essen. Ärzte sollten diese Risiken vor der Therapie klären.
  • Nierenversagen (akut): Die FDA warnt mit einem „Black Box“-Label. In 0,78 Fällen pro 1.000 Patientenjahre kam es zu plötzlichem Nierenversagen - meist bei Dehydrierung oder bei bereits eingeschränkter Nierenfunktion.
  • Amputationen (nur bei Canagliflozin): In der CANVAS-Studie stieg das Risiko für Zehen- oder Fußamputationen um 97 %. Deshalb wird Canagliflozin bei Patienten mit Fußgeschwüren oder peripherer Gefäßerkrankung vermieden.
  • Fournier-Gangrän: Eine extrem seltene, aber tödliche Infektion der Genitalien und des Afterbereichs. Die Häufigkeit liegt bei 0,002 %. Dennoch wurde sie von der FDA als Warnung aufgenommen.

Wer sollte diese Medikamente nicht nehmen?

SGLT2-Hemmer sind nicht für:

  • Menschen mit Typ-1-Diabetes (hohes Risiko für Ketoazidose)
  • Patienten mit eGFR unter 30 mL/min/1,73m² (schwere Nierenschwäche)
  • Personen mit schweren Allergien gegen die Wirkstoffe
  • Während der Schwangerschaft oder Stillzeit (keine ausreichenden Daten)
  • Patienten mit wiederkehrenden genitalen Infektionen, die nicht behandelbar sind

Bei eGFR zwischen 30 und 45 mL/min/1,73m² wird die Dosis reduziert oder das Medikament abgesetzt. Vor Beginn der Therapie muss die Nierenfunktion gemessen werden - und regelmäßig kontrolliert, mindestens jedes Jahr.

Wie vergleichen sich SGLT2-Hemmer mit anderen Medikamenten?

Verglichen mit DPP-4-Hemmern (wie Sitagliptin) oder Sulfonylharnstoffen (wie Glibenclamid) sind SGLT2-Hemmer deutlich besser bei Herz- und Nierenschutz. Gegenüber GLP-1-Agonisten (wie Semaglutid) haben sie den Vorteil, dass sie als Tablette eingenommen werden - keine Spritze. Sie senken aber etwas weniger den Blutzucker und haben weniger Einfluss auf die Gewichtsreduktion. GLP-1-Agonisten sind besser bei der Vorbeugung von Herzinfarkten, SGLT2-Hemmer bei der Vorbeugung von Herzschwäche.

Ein Vergleich: Wenn Sie Herzschwäche haben, ist ein SGLT2-Hemmer die bessere Wahl. Wenn Sie stark übergewichtig sind und keine Herzprobleme, könnte ein GLP-1-Agonist mehr bringen. Beide sind teuer - aber oft über die Krankenkasse abgedeckt, wenn die Indikation passt.

Freundliche Niere mit Armen hält eine Tablette, die Schutzstrahlen auf verschiedene Patienten richtet.

Kosten und Verfügbarkeit

Ein 30-Tage-Vorrat kostet in den USA zwischen 598 und 642 US-Dollar - ein enormer Betrag. In Deutschland ist das anders: Die meisten Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn die Indikation erfüllt ist. Patienten zahlen oft nur 10 bis 25 Euro pro Monat. Genaue Preise hängen von der Versicherung ab. Generika gibt es noch nicht - die Patente laufen erst ab 2027 bis 2029. Bis dahin bleibt die Auswahl auf die vier Markenprodukte beschränkt: Jardiance, Farxiga, Invokana, Steglatro.

Was tun, wenn Nebenwirkungen auftreten?

Wenn Sie eine Pilzinfektion bekommen: Nicht absetzen - behandeln Sie sie mit lokal wirksamen Antimykotika (Creme oder Zäpfchen). Meist verschwinden sie mit der Therapie. Bei häufigen Harnwegsinfekten: Trinken Sie mehr Wasser, urinieren Sie nach dem Sex, und lassen Sie den Urin testen. Bei Schwindel oder Müdigkeit: Prüfen Sie, ob Sie genug trinken und ob Sie Diuretika einnehmen. Bei Übelkeit, Bauchschmerzen oder Atemnot: Sofort zum Arzt - es könnte euDKA sein. Keine Selbstmedikation.

Wenn Sie operiert werden oder schwer erkranken: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt - oft wird das Medikament 2-3 Tage vorher abgesetzt, um das Risiko für Ketoazidose zu senken.

Was kommt als Nächstes?

Forscher untersuchen jetzt, ob SGLT2-Hemmer auch bei Menschen ohne Diabetes, aber mit hohem Risiko für Herzschwäche helfen können - etwa bei Bluthochdruck, Fettleibigkeit oder Alter. Die DELIVER-Studie zeigte schon: Bei Menschen mit leicht eingeschränkter Herzfunktion senkte Farxiga das Risiko, eine Herzschwäche zu entwickeln, um 18 %. Das könnte die Indikation bald erweitern - von „Behandlung“ zu „Vorbeugung“.

Die Zukunft dieser Medikamente ist nicht nur vielversprechend - sie ist bereits Realität. Sie verändern nicht nur, wie wir Diabetes behandeln. Sie verändern, wie wir Herz- und Nierenkrankheiten sehen: als Systemerkrankungen, die mit einem einzigen Medikament angegangen werden können.

Sind SGLT2-Hemmer sicher für ältere Menschen?

Ja - aber mit Vorsicht. Ältere Patienten haben ein höheres Risiko für Dehydrierung und niedrigen Blutdruck. Deshalb wird oft mit der niedrigsten Dosis begonnen. Wichtig ist: viel trinken, die Nierenfunktion regelmäßig kontrollieren und auf Schwindel achten. Bei stark eingeschränkter Nierenfunktion (eGFR unter 30) dürfen sie nicht eingenommen werden. Viele Ärzte verschreiben sie trotzdem, weil sie Herzschwäche und Nierenversagen verhindern - und das ist für ältere Menschen oft lebenswichtig.

Können SGLT2-Hemmer mit Metformin kombiniert werden?

Ja, das ist die häufigste Kombination. Metformin senkt den Blutzucker über die Leber, SGLT2-Hemmer über die Nieren. Zusammen wirken sie besser als jedes allein. Die Kombination ist gut verträglich, und die Gewichts- und Herzschutzwirkung verstärkt sich. Viele Leitlinien empfehlen genau diese Kombination als Standardtherapie für Patienten mit hohem Risiko.

Warum wird Jardiance oft als erstes verschrieben?

Weil die EMPA-REG-Studie mit Empagliflozin (Jardiance) die erste große Studie war, die eindeutig zeigte: Dieses Medikament senkt das Sterberisiko bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das war ein Wendepunkt. Seitdem gilt Jardiance als Vorreiter der Klasse. Auch die Daten zur Nierenprotektion sind stark. Viele Ärzte vertrauen deshalb auf die umfangreichste Datenlage - auch wenn Farxiga oder Invokana ähnlich wirken.

Wie lange dauert es, bis die Wirkung spürbar ist?

Der Blutzucker sinkt innerhalb von Tagen - oft schon nach der ersten Tablette. Gewichtsverlust ist nach 2-4 Wochen spürbar. Die herz- und nierenschützenden Effekte dagegen brauchen Monate bis Jahre, um sich zu zeigen. Deshalb ist es wichtig, das Medikament auch dann weiterzunehmen, wenn der Blutzucker schon gut ist. Die Vorteile liegen nicht im kurzfristigen Wert, sondern in der langfristigen Sicherheit.

Was passiert, wenn ich das Medikament absetze?

Der Blutzucker steigt wieder - meist innerhalb weniger Tage. Das Gewicht nimmt zu, weil der Zucker nicht mehr ausgeschieden wird. Wichtiger: Der Schutz für Herz und Nieren verschwindet. Studien zeigen, dass das Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen Herzschwäche innerhalb von 3-6 Monaten nach Absetzen wieder auf das Niveau vor der Therapie ansteigt. Deshalb sollte man das Medikament nur unter ärztlicher Aufsicht absetzen - und immer einen Ersatz planen.

Kann ich mit SGLT2-Hemmern Alkohol trinken?

In Maßen - ja. Alkohol kann das Risiko für Ketoazidose erhöhen, besonders wenn Sie wenig essen oder krank sind. Trinken Sie nicht auf nüchternen Magen, und vermeiden Sie starken Alkoholkonsum. Ein Glas Wein abends ist in der Regel kein Problem, solange Sie nicht unter Stress, Infektion oder Diät stehen. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie Ihren Arzt.

Geschrieben von:
Sabine Grünwald
Sabine Grünwald