Wenn ein Medikament seine Patentlaufzeit beendet, beginnt ein Wettkampf, der Millionen von Menschen das Leben einfacher und günstiger macht: die erste generische Zulassung. Es ist nicht einfach nur die erste Genehmigung eines Nachahmerpräparats. Es ist ein strategischer Meilenstein, der den Preis eines Medikaments innerhalb von Monaten um 70 bis 90 % sinken lässt und den Zugang zu lebenswichtigen Therapien für Patienten weltweit verändert. Doch was steckt wirklich hinter diesem Begriff? Warum ist er so entscheidend? Und warum zählt er mehr als jede andere Genehmigung im Generikamarkt?
Was genau ist die erste generische Zulassung?
Die erste generische Zulassung ist die Genehmigung durch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) für das erste Unternehmen, das einen vollständig ausgefüllten Abbreviated New Drug Application (ANDA) für ein abgelaufenes Patentmedikament einreicht und gleichzeitig ein Patent herausfordert. Diese Genehmigung ist nicht einfach nur die erste, die erteilt wird. Sie ist die einzige, die mit einem exklusiven Marktzugang von 180 Tagen belohnt wird. Während dieser Zeit darf kein anderes Unternehmen denselben generischen Wirkstoff verkaufen - und das macht den Unterschied.Dieses System entstand 1984 mit dem Hatch-Waxman Act, benannt nach den beiden US-Abgeordneten Orrin Hatch und Henry Waxman. Zuvor mussten Generikahersteller dieselben teuren klinischen Studien durchführen wie der Originalhersteller - obwohl die Sicherheit und Wirksamkeit des Medikaments bereits seit Jahren bewiesen war. Der Act schuf einen kürzeren, kostengünstigeren Weg: Generika müssen nur nachweisen, dass sie sich im Körper genauso verhalten wie das Original. Das nennt man Bioäquivalenz.
Die FDA prüft dafür, ob die Aufnahme des Wirkstoffs im Blut - gemessen an der AUC (Fläche unter der Kurve) und Cmax (maximale Konzentration) - zwischen 80 % und 125 % des Originals liegt. Studien aus den 1990er bis 2000er Jahren zeigten: Der durchschnittliche Unterschied zwischen Original und Generikum lag bei nur 3,5 %. Das ist weniger als der Unterschied zwischen zwei Chargen desselben Originalmedikaments.
Warum ist die 180-Tage-Exklusivität so wichtig?
Die 180-Tage-Exklusivität ist der Schlüssel. Während dieser Zeit ist das erste Unternehmen der einzige Anbieter des Generikums. Kein Konkurrent, kein Preisdruck. Das ermöglicht es, den Preis nur leicht unter dem Originalmedikament anzusetzen - und trotzdem enorme Gewinne zu machen.Für ein sogenanntes Blockbuster-Medikament mit jährlichen Verkäufen von über einer Milliarde Dollar kann das erste Generikum in diesen 180 Tagen zwischen 100 und 500 Millionen Dollar an Zusatzgewinn einbringen. Ein Beispiel: Als Amgen im September 2023 das erste Generikum von Humira (Adalimumab) auf den Markt brachte, erreichte es binnen 90 Tagen eine Marktanteilsquote von 42 %. Die Preise für das Medikament fielen innerhalb von sechs Monaten um 85 %.
Doch diese Exklusivität ist nicht automatisch. Sie wird nur vergeben, wenn das Unternehmen einen sogenannten Paragraph-IV-Zertifikat einreicht - eine formale Herausforderung der Patente des Originalherstellers. Das löst eine rechtliche Auseinandersetzung aus, die bis zu 30 Monate dauern kann. Wenn das Gericht dem Generikahersteller Recht gibt, beginnt die 180-Tage-Frist erst dann. Wenn er verliert, verliert er auch die Exklusivität.
Wie wird die erste generische Zulassung beantragt?
Der Weg zur ersten Genehmigung ist lang und teuer. Ein Unternehmen muss mindestens 18 bis 24 Monate an der Einreichung arbeiten. Dazu gehören:- Entwicklung und Validierung eines Herstellungsverfahrens, das dem Original entspricht
- Bioäquivalenzstudien mit gesunden Freiwilligen (kosten: 2 bis 5 Millionen US-Dollar pro Produkt)
- Prüfung und Dokumentation aller Inhaltsstoffe, Verpackungen und Stabilitätsdaten
- Einreichung des ANDA mit Paragraph-IV-Herausforderung
Die FDA prüft solche Anträge schneller als normale Generika - durchschnittlich in 10 bis 12 Monaten statt 14 bis 18. Doch selbst dann scheitern viele Anträge an Kleinigkeiten: fehlende Dokumente, unvollständige Testdaten, oder unklare Herstellungsverfahren. Nur 78 % der vollständig eingereichten Anträge werden beim ersten Versuch genehmigt. Bei unvollständigen Anträgen sinkt die Quote auf 42 %.
Einige Firmen investieren bis zu 100 Millionen Dollar in die Entwicklung eines einzigen ersten Generikums. Sie brauchen Teams von 15 bis 25 Experten - aus Regulierung, Pharmazie, Recht und Produktion. Und oft arbeiten sie mit spezialisierten Anwaltskanzleien wie Fish & Richardson zusammen, deren Stundenätze bei 650 bis 1.200 US-Dollar liegen.
Was kann schiefgehen?
Die erste generische Zulassung ist kein sicherer Gewinn. Es gibt viele Fallstricke:- Mehrere erste Antragsteller: Wenn zwei oder mehr Unternehmen gleichzeitig einen Paragraph-IV-Antrag einreichen, teilen sie die 180-Tage-Exklusivität. Das hat bei über 10 % der Fälle seit 2001 zu einer Verringerung des Gewinns geführt.
- Authorized Generics: Manchmal lässt der Originalhersteller sein eigenes Medikament ohne Marke verkaufen - als „authorized generic“. Das geschieht in 38 % der Fälle und kann den Marktanteil des ersten Generikums um 20 bis 30 % reduzieren.
- Verzögerungen bei der Markteinführung: Wenn das Unternehmen nicht innerhalb von 75 Tagen nach Genehmigung mit dem Verkauf beginnt, verliert es die Exklusivität. Das passierte bei der ersten Generika-Version von Eliquis (Apixaban), wo Produktionsprobleme die Einführung um 90 Tage verzögerten - und die Preise vorübergehend wieder stiegen.
- Patent-Tretmühlen: Einige Hersteller bauen absichtlich viele Patente auf - sogenannte Patent-Thickets - um die Generika-Einführung zu blockieren. Zwischen 2010 und 2020 verzögerten solche Strategien die erste generische Zulassung bei 42 % der Fälle.
Einige dieser Praktiken wurden durch das CREATES Act von 2022 eingeschränkt, das Originalherstellern verbietet, Generika-Herstellern den Zugang zu Proben ihres Medikaments zu verweigern - ein wichtiger Schritt, um Tests zu ermöglichen.
Was bedeutet das für Patienten?
Für Patienten ist die erste generische Zulassung eine der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Medizin. 87 % der Apotheker in einer Umfrage von 2024 sagten, dass diese Genehmigungen den Zugang zu Medikamenten erheblich verbessert haben. 73 % berichteten, dass Patienten ihre Medikamente nun regelmäßiger einnehmen, weil sie sich die Kosten leisten können.Auf der Plattform Drugs.com haben Patienten erste Generika mit 4,2 von 5 Sternen bewertet - fast genauso gut wie die Originalprodukte (4,3 Sterne). Die häufigsten Kommentare: „Genauso wirksam, aber halb so teuer“ und „Keine Unterschiede in Nebenwirkungen“.
Die Preise fallen dramatisch. Ein Medikament, das vor der Generika-Einführung 500 US-Dollar pro Monat kostete, kostet sechs Monate später oft nur noch 50 bis 100 Dollar. In den USA haben Generika seit 1984 insgesamt 1,7 Billionen US-Dollar an Gesundheitskosten gespart. Die FDA schätzt, dass allein die erste generische Zulassung jährlich 13 Milliarden Dollar einspart - mehr als jedes andere Instrument im Gesundheitssystem.
Was ändert sich aktuell?
Der Markt für Generika verändert sich. Die FDA hat 2023 neue Wege für komplexe Generika eröffnet - wie Inhalatoren, Cremes oder Injektionen mit schwer zu reproduzierenden Wirkstoffen. 17 solcher Produkte erhielten 2023 ihre erste Genehmigung, gegenüber nur 9 im Jahr 2022.Das Inflation Reduction Act von 2022 hat auch die Regeln geändert: Für Medikamente mit speziellen Risikomanagement-Programmen (REMS) wird die 180-Tage-Frist nicht mehr angehalten, wenn der Hersteller Tests verweigert. Das schließt eine alte Lücke.
2023 genehmigte die FDA insgesamt 939 Generika - davon 112 als erste. Die führenden Unternehmen sind Teva (14 Genehmigungen) und Hikma (11). Die meisten dieser Medikamente stammen von Patente, die zwischen 2025 und 2030 ablaufen - darunter Medikamente für Diabetes, Krebs und Herzkrankheiten mit einem Gesamtmarkt von 156 Milliarden Dollar.
Ein neuer Trend: Die ersten Biosimilars - Nachahmer von biologischen Medikamenten wie Insulin oder Krebsmedikamenten - sind noch selten. Nur 43 wurden bis 2023 zugelassen, weil ihre Herstellung extrem komplex ist. Aber auch hier arbeitet die FDA an Vereinfachungen.
Was kommt als Nächstes?
Die Zukunft der ersten generischen Zulassung ist vielversprechend - aber nicht ohne Herausforderungen. Die FDA hat in ihrem Strategieplan für 2024 klargestellt: „Die Beschleunigung erster generischer Wettbewerb ist unser effektivstes Mittel, um die Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente zu senken.“Das bedeutet: Mehr Ressourcen für die Prüfung, schnellere Genehmigungen, bessere Transparenz bei Patenten und mehr Druck auf Hersteller, die verzögern.
Ein Patient, der heute ein Generikum einnimmt, verdankt das nicht nur der Wissenschaft - sondern einem 40 Jahre alten Gesetz, das den ersten Anbieter belohnt, der den Mut hat, das System herauszufordern. Und das ist die wahre Kraft der ersten generischen Zulassung: Sie macht Innovation nicht zum Luxus, sondern zum Recht für alle.
Was ist der Unterschied zwischen einer ersten generischen Zulassung und einer normalen generischen Zulassung?
Der entscheidende Unterschied ist die 180-tägige Exklusivität. Bei einer normalen generischen Zulassung kann sofort ein weiteres Unternehmen mit demselben Wirkstoff auf den Markt kommen. Bei der ersten generischen Zulassung ist das Unternehmen für 180 Tage der einzige Anbieter - und kann dadurch einen hohen Marktanteil und große Gewinne erzielen. Außerdem wird der ANDA-Antrag bei der ersten Genehmigung schneller geprüft - durchschnittlich in 10 bis 12 Monaten statt 14 bis 18.
Warum wird die erste generische Zulassung oft als „First to File“ bezeichnet?
Weil es nicht darauf ankommt, wer zuerst genehmigt wird, sondern wer zuerst den Antrag einreicht - und dabei ein Patent herausfordert. Wer als Erster den vollständigen ANDA mit Paragraph-IV-Zertifikat bei der FDA einreicht, erhält den Anspruch auf Exklusivität. Das ist ein „First to File“-System: Der erste, der die Papiere abgibt, gewinnt - nicht der schnellste Hersteller.
Kann ein Unternehmen seine Exklusivität verlieren?
Ja. Es gibt drei Hauptgründe: Erstens, wenn das Unternehmen nicht innerhalb von 75 Tagen nach Genehmigung mit dem Verkauf beginnt. Zweitens, wenn mehrere Unternehmen gleichzeitig den ersten Antrag stellen - dann teilen sie die Exklusivität. Drittens, wenn ein Gericht den Patentanspruch des Originalherstellers bestätigt - dann verliert das Generikum seine Exklusivität komplett.
Warum sind Authorized Generics ein Problem für den ersten Generika-Hersteller?
Authorized Generics werden vom Originalhersteller selbst als unmarkiertes Produkt verkauft - oft zu einem Preis, der nur leicht über dem Generikum liegt. Dadurch wird der Markt nicht von einem Konkurrenten, sondern vom ursprünglichen Hersteller überrannt. Studien zeigen, dass diese Praxis den Marktanteil des ersten Generikums um 20 bis 30 % reduzieren kann - was den Gewinn erheblich schmälert.
Wie wirkt sich die erste generische Zulassung auf die Preise aus?
Innerhalb von sechs Monaten nach der ersten generischen Zulassung sinken die Preise für das Medikament typischerweise um 70 bis 90 %. Im Vergleich dazu sinken die Preise erst nach Einführung mehrerer Generika um 30 bis 40 %. Das liegt daran, dass der erste Anbieter den Markt alleine bedient und einen hohen Preisunterschied zum Original setzen kann - ohne Konkurrenzdruck.
Welche Rolle spielt die FDA bei der ersten generischen Zulassung?
Die FDA prüft die Anträge auf Bioäquivalenz, Qualität und Sicherheit - genau wie bei jedem anderen Medikament. Sie priorisiert jedoch die Prüfung von ersten Generika, da sie den Preisdruck am schnellsten auslösen. Außerdem entscheidet sie über die Vergabe der Exklusivität und prüft, ob ein Antrag tatsächlich als „erster“ gilt. Die FDA hat klargestellt: „Jedes Generikum, einschließlich der ersten, muss denselben strengen Standards entsprechen.“
Warum sind komplexe Generika schwerer zu genehmigen?
Komplexe Generika wie Inhalatoren, Transdermalpflaster oder biologische Produkte haben eine schwer reproduzierbare Wirkstofffreisetzung. Die Bioäquivalenz lässt sich nicht einfach durch Bluttests messen - man braucht spezielle Tests, klinische Daten und präzise Herstellungsverfahren. Deshalb dauert die Prüfung länger, und die FDA hat erst 2023 neue Leitlinien für diese Produkte veröffentlicht.
Wie viel kostet es, ein erstes Generikum zu entwickeln?
Die Entwicklungskosten liegen zwischen 50 und 100 Millionen US-Dollar, abhängig vom Medikament. Dazu gehören Bioäquivalenzstudien (2-5 Mio. $), rechtliche Auseinandersetzungen (5-15 Mio. $), Herstellungseinrichtungen, Regulierungsberatung und Personal. Für ein einfaches Tablet sind es weniger, für ein inhalierbares Medikament deutlich mehr.
Wann wird die 180-Tage-Exklusivität aktiviert?
Die Frist beginnt entweder, wenn das Generikum zum ersten Mal auf den Markt kommt - oder wenn ein Gericht in der Patentklage zugunsten des Generikaherstellers entscheidet. Wichtig: Es ist nicht die Genehmigungsdatum, sondern die tatsächliche Vermarktung oder der Gerichtsbeschluss, der den Startpunkt setzt.
Wie viele erste generische Zulassungen gibt es pro Jahr?
Im Jahr 2023 genehmigte die FDA 112 erste generische Zulassungen - das sind 12 % aller generischen Genehmigungen. Diese Zahl steigt jährlich um etwa 8,3 %, da immer mehr Patente ablaufen. Bis 2028 werden über 150 Milliarden Dollar an Originalmedikamenten patentfrei.